BLODVEGER – NS-Zwangsarbeit in Nord-Norwegen

Die jugoslawischen Quellen für das Theaterprojekt sind aus „Krvave Staze“ von Cveja Jovanović, aus den Erinnerungen von Slavko Vukić, und Stellungnahmen nach den Flucht in der jugoslawischen Gesandtschaft in Stockholm von Dr. Jovan A. Und Krstić und von Novak Todorović .

Cveja Jovanović, geboren 1914 in Šimanovci, beschreibt in seinem Buch „Krvave Staze“ (Beograd 1959) die Zustände im Lager Karasjok, ganz im Norden Norwegens, an der finnischen Grenze.

Vom Belgrader Hauptbahnhof werden wir schnell mit LKWs zum Hafen gefahren. Dort kommen wir auf die Schiffe. LKWs bringen immer neue Gruppen. Unter ihnen gibt es lebende Tote. Wir sind schon alle blass, schwach und nur Haut und Knochen. Aber sie sehen wirklich wie tot aus. Sie können kaum stehen. Wir halten sie an; woher kommt ihr, fragen wir. Sie sagen: aus Banjica.

Eine andere Gruppe kommt. Sie sehen ziemlich gut aus. Es sind die Kriminellen. Wir erkennen sie schnell, da sie sofort mit den Wachmännern ins Gespräch kommen und sagen: „Wir sind keine Partisanen“.

So wird das „schwarze Kommando“ geboren, erklärt ein etwas älterer Kamerad. Aber vielleicht ist es nicht hier geboren. Vielleicht hat sie General Nedić kreiert und sie infiltriert, um uns auseinander zu bringen, organisierten Widerstand zu blockieren…

Mittags sind wir in Wien angekommen. Sofort werden wir in Waggons geführt und an die Peripherie gefahren. Dort teilen sie uns in Gruppen von 300-400 Mann auf. Meine Gruppe muss 15 km weiter zu Fuß laufen.

Auf einem Straßenschild lese ich Sittendorf. Am Ende des Dorfes erblicken wir rote Baracken aus Holz, umrandet von dichtem Stacheldraht. An allen vier Ecken sind Wachtürme, das ist das Lager.

15 Tage in diesem Lager waren genug, um zu verstehen, wie das „schwarze Kommando“ arbeitet. Zimmerleiter sind die Kriminellen. Köche sind die Kriminellen. Küchenhelfer sind auch die Kriminellen. Auf allen wichtigen Positionen sind die Kriminellen.

Mitte Mai 1942 verlassen wir Sittendorf. In verriegelten Waggons fahren wir nach Norden. Wo fahren wir hin, frage ich meinen Kollegen. Er sagt, in den Tod, sicher nicht auf die Hochzeit. Muss ein Mensch so weit fahren, um getötet zu werden, frage ich mich.

Österreichische Wachmänner übergeben uns den preußischen Gendarmen. Wir merken sofort den Unterschied. Die Österreicher wurden auch sehr laut, aber sie haben uns nicht geschlagen. Die Preußen machen es sofort, ohne Ankündigung. Sie stoßen und schlagen uns mit den Gewehren.

Wir kommen in ein kleines Lager in der Nähe des Ortes Beveringen. Schlechtes Essen, ständiges Schlagen und Erniedrigungen jeglicher Art ist unser Alltag hier. Wenn wir die Pfeife hören, müssen wir alle sofort in einer Minute raus aus den Baracken und uns nebeneinander in einer Reihe hinstellen. Jede Baracke hat vier Zimmer, aber der Ausgang aus der Baracke hat nur eine Tür. An dieser Tür stehen Wachmänner und schlagen uns. Es war nicht gut, nochmal. Auf dem Weg zurück werden wir wieder geschlagen und so müssen wir es immer wieder machen. In dieser einen Minute wird gerannt, getreten, gekämpft… Wir sind halt ca. 120 Mann in einer Baracke.

Am Sonntag sind die Mädchen aus dem naheliegenden Internat gekommen. Das Spiel mit der Pfeife wird für sie noch heftiger aufgeführt.

Ende Juni. Unsere Reise in die Ungewissheit geht weiter. Wieder in verriegelten Viehwaggons, bis nach Stettin. Dort wartet ein Schiff auf uns. „Gota“ steht an dem Schiff geschrieben. Wir ca. 900 Mann werden in zwei Räume unter Deck gedrängt. Kurz vor der Abreise kommen auch SS-Männer zu uns und zählen uns. Der laute Schiffsmotor geht an. Wir fahren los.

Eine kleine Öffnung an der Decke, keine Fenster. Wir dürfen auf das Deck, aber wir müssen alle sitzen bleiben. Dort bekommen wir das Essen. Wenn man das grüne Wasser so nennen könnte.

Plötzlich werden die Deutschen unruhig, sie jagen uns durch die Öffnung unter Deck. Ich sehe, dass die Soldaten schon alle Rettungswesten anziehen. Es ist was Ernstes, denke ich. Sie schließen die Tür. Wir sind unten im Dunklen. Nur das Trampeln der Schuhe über unseren Köpfen ist zu hören. Und dann brummen Flugzeuge am Himmel und Geräusche der Maschinengewehre. Das Schiff ist angegriffen worden. Wir versuchen ruhig zu bleiben, obwohl wir alle wissen, was mit uns passiert, wenn das Schiff getroffen wird. Einige geraten in Panik. Jemand fängt an zu singen: „Ich bin ein Partisan und stolz drauf“. Alle steigen mit ein. Unter Deck brummt es von unserem Gesang. Es ist lauter als das Brummen der Flugzeuge und Maschinengewehre.

Bergen, Anfang Juli. Im Hafen von Bergen sind wir kurz vor Mitternacht angekommen. Es ist Mitternacht und es ist hell, so dass man lesen könnte. Alles ist ruhig und menschenleer.

Wir kommen auf das Deck, jeder mit seinen Sachen beladen. Wir laufen über die Brücke durch das Spalier von Wachmännern und stellen uns in eine Kolone in Reihen von je drei Männer auf.

Wir laufen los. Erst am anderen Ende der Stadt bleiben wir vor einer engen, langen Baracke stehen. Sie hat eine Etage. Alle 900 von uns gehen in die Baracke. Die Fenster sind sehr klein und haben Metallstangen davor.

Wir verteilen uns im Raum, grüßen die von den anderen Schiffen… Wir sind in 10er Gruppen eingeteilt. So werden wir auch das Essen bekommen und es auch verteilen.

An einem Tag sagen SS-Männer, dass alle, die krank sind und nicht arbeiten können, sich melden sollen. Sie würden nach Jugoslawien zurückgeschickt. Es war dumm, ihnen zu glauben. Wir warnten uns gegenseitig. Aber einige haben es geglaubt und ca. 25 Kameraden haben sich gemeldet.

Sie haben eine Gruppe für den Transport ausgesucht. Ca. 400 Mann. Ich bin auch dabei. Meine engsten Freunde sind in der anderen Gruppe geblieben. Jemand macht ein Witz: Wir sehen uns in der Hölle.

Die Nachricht wird verbreitet, dass diese 25 Kameraden, die zurück wollten, in einem Wald erschossen worden sind,

Wir sind wieder unter Deck; Toiletten dabei auf dem Deck. Die Wachmänner haben sich ein Spiel ausgedacht: Vor der Toilette wird eine Schnur in ca. ein Meter Höhe gespannt. Wer zur Toilette will, muss über diese Schnur springen, ohne sie zu berühren. Sogar wenn er es hundertmal wiederholen muss.

Im Hafen von Bodø [Tromsø] bleiben wir etwas länger stehen. Eine „Jury“ von SS-Männern sucht eine Gruppe von Kranken aus und sagt, sie kommen ins Krankenhaus. Von einem Kleinkriminellen, der immer auf Deck war, hören wir später, dass sie sie in einem Steinbruch an der Küste töten werden. Das sind die ersten Opfer unserer Gruppe. Wir fahren weiter Richtung Norden.

Ganz im Norden, letzte Tage im Juli. Nach vier, fünf, sechs Tagen, wissen wir es nicht genau, sind wir in einem kleinen Hafen angekommen. Wir kommen ans Deck, in das Licht der Nacht.

Wir laufen zu Fuß eine Straße Richtung Süden entlang. Um uns herum Mücken in Unmengen. Die Wachmänner tragen Mücken-Schutznetze. In einem Lager sehen wir Männer in russischen Uniformen. Einer fragt uns etwas auf Russisch, einer aus der Kolonne antwortet, aber der Wachmann droht ihm sofort mit dem Gewehr. Nachdem wir eine halbe Stunde gelaufen sind, machen wir die erste Pause. Wir essen verschimmeltes Brot und saure Marmelade, die wir beim Landen bekommen haben. Jede Menge Mücken kommt auf die Marmelade. Aber keiner hat die Kraft, sie weg zu machen. Wir essen sie mit.

Danach laufen wir weiter. Auf einer Kreuzung sehe ich ein Schild: Lakselv. Ohne Kilometerzahl. Wir erfahren, dass es ca. 35km sind.

Es fällt uns sehr schwer so lange zu laufen, vor allem nach zwei Monaten nur liegen und sitzen.

Lakselv scheint ein wichtiger deutscher Standort in dem Teil des Landes zu sein.

In Lakselv werden unsere Haare geschnitten, wir waschen uns und werden temporär von den Läusen befreit. Dann werden wir auf LKWs geladen und fahren weiter.

Am 1. August 1942 kommt unsere LKW-Kolonne in ein Tal am linken Flussufer. Später erfahren wir, dass der Fluss auch Karasjok heißt, wie das Dorf. Einige Baracken, Werkstätten und Garagen sind da. Von dort gehen wir durch den Wald. Ca. 1,5 km vom Fluss, auf einem kahlen Hügel, befindet sich das nicht besonders große Lager. Eine große, lange Baracke und Toilette im Freien, umzäunt mit doppeltem Stacheldrahtzaun und Wachtürmen in den Ecken. Wachmänner mit Maschinengewehren stehen schon bereit. Vor dem Eingangstor ist eine Baracke für die Wachmänner und ca. hundert Meter weiter ein paar Wohnbaracken, für die Offiziere, Wachmänner, TODT-Leuten und zwei Einheiten, die sich hier von der Front erholen.

Unsere Baracke ist mit einem langen Gang in der Mitte geteilt. Links ist die Küche. Rechts das Magazin und wieder links und rechts zweit große Zimmer. In der Baracke werden 400 von uns leben.

Am Morgen erfahren wir, dass wir hier länger bleiben und eine Straße bis zur finnischen Grenze bauen werden. Schon nach ein zwei Tagen wurde die innere Organisation hergestellt. Das „Schwarze Kommando“ hat wieder alle Positionen übernommen. Am dritten Tag gehen wir arbeiten. Die meisten Zehnergruppen arbeiten beim Straßenbau und ein paar in den deutschen Werkstätten. Sie haben es leichter, da sie mehr essen bekommen und ein Dach über dem Kopf haben.

Fünf von uns teilen sich ein 750g Brot, es ist für den ganzen Tag. Jeder bekommt noch ein Stück Margarine, groß wie ein Zuckerwürfel, einen Teelöffel Marmelade. Morgens eine Tasse mit heißem schwarzen Wasser, das sie Kaffee nennen, und abends nach der harten Arbeit einen halben Liter sehr dünne Suppe.

Auf der Arbeit schreiben die Gruppenführer und TODT-Leute die Faulenzer auf. Abends nach dem Zählappell, befiehlt der Leiter des Lagers oder ein anderer SS- Offizier, dass alle Faulenzer Schläge bekommen und kein Abendessen kriegen.

Eine Regenperiode ist gekommen. Trotzdem gehen wir arbeiten, weil „die Straße bis zum ersten Schnee fertig sein muss“ – schreien die TODT- Leute. Wir werden täglich fünf bis sechsmal klitschnass und Sonne und Wind trocknen uns wieder. Solch ein Klima sowie Hunger, Läuse, Dysenterie, harte Arbeit und Schläge machen uns kaputt. Das Töten auf der Arbeit häuft sich auch und wird zum Alltag. Unsere Zahl wird immer kleiner. SS-Männer töten wen und wie sie wollen, mit so einer Gleichgültigkeit, als wären wir Spatzen. Ermüdete töten sie als Faulenzer und auch die, die ihnen einfach unsympathisch sind. Es wird nirgendwo notiert, wer getötet wurde und wieso. Wir haben nicht einmal Zahlen, wie die anderen Gefangenen. Ohne Zahlen, ohne Namen.

Ein großes Grab im Wald wird schnell voll. Sie graben schon mal das nächste, gleich große: 15 Meter lang, 4 breit und 2 tief.

Ende August. In der Mitte des Lagers steht eine einzelne Tanne. Ihre Äste sind abgehackt. Nur die Spitze ist geblieben. Diese Tanne brauchen die SS-Leute. Sie bestrafen hungrige und kranke „Faulenzer“ in dem sie sie zwingen, die Tanne hoch zu steigen. Der, der es nicht schafft, die Spitze der Tanne zu berühren, muss sich über einen Stuhl legen und mit gefesselten Beinen und Händen 10, 15, 20 Schläge aushalten.

Unter dieser Tanne verbringen auch die wenigen Geflüchteten ihre letzten Stunden und andere, die zum Erschießen verurteilt sind.

Das „Schwarze Kommando“ liquidiert rücksichtslos alle, die gefährlich sein könnten: die Deutsch können, den Deutschen verraten können, wieviel in der Küche geklaut wird.

Eines Tages sahen wir Ilija Mrdalj unter der Tanne. Er wurde von den Gruppenführern der Sabotage beschuldigt. Am nächsten Tag wurde er erschossen. Er war ein Dorn im Auge des „Schwarzen Kommandos“, er hat für uns alle bezahlt.

Die Außentoilette ist unser Treffpunkt. Dort konnte man auch Kameraden treffen, die nicht in der eigenen Gruppe waren. Man verabredet sich und sitzt dort zusammen und redet leise, tauscht Gedanken aus.

Die Soldaten, die auf uns auf während der Arbeit aufpassen, sind erträglich. Sie sind keine SS-Leute. Unsere Zehnergruppe bewacht ein kleiner Soldat. Wir nennen ihn „kleiner Soldat“. Er heißt Ernst Dumann und kommt aus Golnow, Pommern. Er zwingt uns nicht zum Arbeiten. Er sagt, arbeitet so viel ihr könnt. Er schimpft über SS-Leute. In seiner Tasche hat er immer extra Brotstückchen für uns. Seine Portion, die er mittags bekommt, teilt er mit uns. Er lässt uns Feuer machen, zum Trocknen.

Eines Tages sehen wir eine Kolonne LKWs. Die Leute auf den LKWs sind verschieden angezogen. Einige in russischen, einige in deutschen Uniformen oder in Zivil. Einer von uns fragt sie was, aber sie antworten nicht. „Kleiner Soldat“ guckt auch. Plötzlich winkt einer vom LKW dem kleinen Soldaten und sagt ihm was. „Kleiner Soldat“ ist überrascht, erschrocken. Deutsche Kommunisten, sagt er uns danach. „Das war ein Nachbar von mir, vom Haus nebenan. Er ist kurz vor dem Krieg festgenommen worden. Von Euch wird jemand vielleicht überleben“, sagte der Kleine, „aber von denen da keiner“. Er guckt auf den Boden und geht ein Stück weiter.

Wir arbeiten weiter im Straßenbau als plötzlich die Pfeife erklingt. Wir wissen sofort, dass jemand geflüchtet ist. Einige Wachmänner geben ihre Gruppen bei den anderen ab und rennen in die Richtung, aus der gepfiffen wurde. Als wir im Lager angekommen sind, kommen auch die Wächter mit dem Geflüchteten. Wir wundern uns, wie sie ihn so schnell gefangen haben, aber sofort wird dieses Rätsel gelöst. Als der Lagerleiter den Geflüchteten fragt, wieso er geflüchtet ist, antwortet dieser sehr ruhig, dass er nicht flüchten wollte, er wollte einfach zum nächsten Haus gehen, um wieder einmal richtig satt zu werden. „Egal, was danach mit mir passiert.“ Der SS-Offizier zeigt ihm, er soll zum Zaun gehen und sich vor sechs Gewehre stellen. Der Mann tut es in aller Ruhe, mit den Händen in den Taschen, als würde er spazieren gehen. Als er sich vor die Gewehre gestellt hat, sagt er: „Schießt! Auf was wartet Ihr!“. Sie schießen, er fällt um. Er hieß Dane.

Anfang September. Wir sind nur noch die Hälfte. Im ersten Monat sind 150 Mann gestorben. Und die Vernichtung geht weiter. Immer häufiger kommen die Kameraden zurück von der Arbeit, völlig entkräftet. Zwei kleine runde Ambulanz-Baracken sind voll. Täglich werden die Leute aus den Baracken rausgeführt, zu den Gräbern zum Erschießen. Drei bis vier Leute am Tag. Jeden Morgen werden Tote aus diesen Baracken rausgetragen. Wir sehen sie abends, wenn wir von der Arbeit zurückkommen, wie sie vor der Baracke übereinander liegen, gestapelt wie Holz. Die Baracken bleiben nicht leer, an die Stellen der Toten kommen neue, kraftlose, kranke Kameraden.

In die sogenannte „Holz-Kolone“ kamen die kräftigsten Kameraden, das waren vor allem kleine Kriminelle, die Schleimer des „Schwarzen Kommandos“. Diese Gruppe arbeitet in einem Wald einen Kilometer entfernt vom Lager, fällt Tannen und Birken und bereitet sie für den Transport vor.

Jeden Tag nach der Arbeit gehen wir in den Wald und holen das Holz. Die vorbereiteten Baumstämme sind lang und dick. Im Wald stehen wir in der Kolonne, einer hinter dem anderen. Ein SS-Offizier entscheidet, wie viele Männer einen Baumstamm tragen sollen. Wenn er sagt: einer, dann muss einer den tragen. Die „Skelette“ kämpfen mit dem dicken Stamm. Versuchen, ihn auf die Schulter zu legen, fallen um. Ein anderer SS-Offizier steht daneben mit einem Maschinengewehr und erschießt diejenigen, die es nicht geschafft haben. Fast jeder Gang in den Wald zum Holztragen, hat uns ein paar Leben gekostet.

Am einfachsten erfriert die Nase. Sie wird vorne weiß und dann überall. Wenn dich jemand aufmerksam macht, dann kannst du sie noch retten. Sonst, wenn du es nicht weißt, weil, erfrieren spürt man nicht, und du fasst sie etwas stärker an, um sie zu putzen oder wieso auch immer, ist sie weg, verloren. Sie fällt ab, und an der Stelle bleibt eine offene Wunde, verbrannt vom Frost. Eine Wunde, die sich verbreitet und fault.

Ohren erfrieren auch sehr schnell, aber sie sind einfacher zu schützen. Finger und Zehen sind auch sehr schnell dran. Man spürt es nicht, aber wenn man merkt, dass sie hart und weiß geworden sind, ist es oft zu spät, um sie zu retten. Dann fällt das faule Fleisch langsam von den Knochen ab. Es bleiben schwarze Knochen, wie verbrannt. Und der Geruch, der unerträglich faule Geruch. Es ist schrecklich, man fault lebend und sieht, wie die Teile von einem abfallen. Aber man kann es nicht mehr stoppen und man weiß, dass die SS dich erschießen wird, sobald sie es sehen, weil du nicht mehr arbeitsfähig bist. Egal wie du dich dagegen wehrst, sie stecken dich in die kleine runde Ambulanz-Baracke und von dort…

Ende September. Die Temperatur fällt immer weiter. Die Kälte in der Nacht ist unerträglich. Die Fenster haben kein Glas. Die Decken sind dünn, reichen nicht aus. Mladja und ich schlafen zusammen, wir decken uns zusammen zu und wärmen uns gegenseitig. Wir kämpfen gegen die unbarmherzige Kälte. Von Tag zu Tag kommen mehr Erfrierende zurück. Die, die nicht mehr können, stellen sie auf die Wagen und transportieren sie zurück in das Lager. Sie schmeißen sie wie Holz vor die Ambulanz-Baracke und lassen sie da in Schnee und Frost liegen. Nachts in der Baracke stinkt es unerträglich nach Frost-Verbrennungen. Die Straßenbau-Arbeiten sind gestoppt. Enormer Frost hat die Erde zu Stein gemacht. Schnee hat alles zugeschneit. Wir arbeiten nur, um das Lager herum, befreien die deutschen Baracken vom Schnee, machen das Lager sauber und hacken Holz. Aber sogar diese Arbeit raubt unsere letzten Atome – RICHTIG GUT.

SS-Offiziere suchen zehn Leute. Vlada aus dem „Schwarzen Kommando“ mit einem Stock jagt zehn Leute aus unserer Baracke. Ich bin einer von ihnen. SS-Offiziere befehlen uns, die großen Schlitten für das Holz zu bringen und danach befehlen sie den Kriminellen aus der Ambulanz, die erfrorenen Leute zu bringen. Sie tragen sie an Händen und Armen und stellen sie auf die Schlitten. Wir schieben sie und ziehen Richtung Wald, vor die Gräber. Ich bin hinten mit vier anderen und muss schieben. Hinter uns gehen die SS-Männer. Ich schiebe und denke, ob sie uns auch dort erschießen werden. Einer der Kameraden auf dem Schlitten sagt mir: „Siehst du Lehrer, so bin ich auch weg.“. „Wir werden alle dahingehen,“ sage ich ihm leise.

Sofort, als wir an den Gräbern angekommen sind und uns nicht mal von den Schlitten weggedreht haben, haben sie angefangen zu schießen. Kalt und gleichgültig schießen die SS-Männer und töten unsere Kameraden auf den Schlitten. Ihre Köpfe fallen, die Körper zittern etwas und das Blut fließt aus den Wunden auf die Schlitten, auf den Schnee und friert. „Ausladen“ schreien die SS- Männer.

November. Es wird vom baldigen Abgang von hier gesprochen. Irgendwohin, südlicher. Hier kann man bis Frühling nichts mehr machen. Für viele von uns wäre es eine Rettung aus dieser Kälte, weg zu gehen. In der Nacht fällt die Temperatur bis auf -45°.

In die Baracke kommen SS-Männer. Offiziere befehlen, wir sollen uns ausziehen und in eine Reihe hinstellen. Mit irgendwelchen Listen laufen sie von einem zum anderen, beobachten uns von allen Seiten, schätzen die Arbeitsfähigkeit ab, notieren etwas… Wir sind Skelett neben Skelett, viele mit Frostwunden im Gesicht, an Händen oder Füßen. Uns ist allen klar, die entscheiden gerade, wer weiterleben wird oder nicht. Am Ende liest der Leiter des Lagers vor, welche Kameraden als Kranke in das andere Zimmer kommen. Dort werden sie kuriert, können sich erholen, um später mit den anderen zusammen zu einem anderen Bauprojekt hinfahren zu können. Wir wissen alle, dass er lügt. Wir wissen, wie SS-Männer kurieren. 55 wurden ausgesucht. Mladjo ist auch in der Gruppe. Er ist seit langem, mit verschiedenen Krankheiten, in einem hoffnungslosen Zustand. Früher wog er 90kg, erzählte er mir mal. Jetzt wiege er nur die Hälfte. Und er ist groß.

Es war streng verboten, sich mit den Leuten aus dem anderen Zimmer zu treffen. Eines Tages, im Halbdunkeln unseres Zimmers, sagte jemand zu mir: „Mladja will dich treffen“.

Ich denke ängstlich, wenn die mich erwischen… das „Schwarze Kommando“ beobachtet alles… aber ich kann nicht nicht hingehen. Vielleicht werden sie sie morgen schon… Vielleicht hat er eine Nachricht.

Ich bin an der Tür, eine Öffnung, bedeckt mit einer Decke. Ich komme rein. Ich lehne mich an die Wand, um nicht umzufallen – der Gestank ist enorm, dicht wie eine Wand, giftig. Ich schaffe es kaum, mich nicht zu übergeben. „Mladjo“ flüstere ich. Unsere Hände treffen sich um Dunkeln. „Hör zu, du kannst mir helfen“. Seine zittrige Stimme ist anders als gestern – heute ist mehr Hoffnung da. „Wenn du mir deinen Ehering gibst. Ich habe mit Jova gesprochen, er sagte, wenn ich ihm Gold gebe, holt er mich hier raus…“ Der Ehering an meinem Finger gehört schon längst nicht nur mir, es ist unser. Seinen hatte er Jova für einige doppelte Portionen Essen gegeben. Schnell und einfach nehme ich meinen Ehering von der schlaffen Haut auf dem Finger ab. Ich freue mich, hoffe… Er zieht den Ring an seinen Finger. „Geh jetzt und pass auf, dass sie dich nicht sehen“, sagt er mit seiner zittrigen Stimme, voller Angst um mich und um ihn selbst. Ich taste im Dunkeln, suche den Ausgang.

Wir stehen alle vor der Baracke. Wir sind in neu formierte Zehnergruppen aufgeteilt und sie, aus dem anderen Zimmer, stehen auf der Seite. Der Leiter des Lagers wendet sich an sie: „Ihr geht in den Wald Holz holen. Und wer es schafft, schafft es.“ Danach sagt er uns: „Arbeitsgruppen gehen arbeiten“. Ich beobachte die Kameraden in der anderen Gruppe. Mein Blick bleibt auf Mladja hängen, er nickt mit dem Kopf und bewegt seinen Mund. Ich kann ihn nicht hören, aber ich glaube er hat gesagt: „Wir kennen unser Schicksal?“

Meine Gruppe läuft zum Dorf zu den Werkstätten, um Holz zu feilen. Auf der Brücke hören wir Maschinengewehrsalven und ein paar einzelne Schüsse.

Als wir zurückkommen, erfahren wir, dass sie die Kolone bis zu den Gräbern geführt haben, dort warteten schon die Soldaten mit den Maschinengewehren auf sie.

Mitte Dezember. Wir fahren weiter, sagen sie. Wohin, weiß niemand, aber auch keiner fragt nach. Es interessiert uns nicht, wohin, sondern wie lange noch.

Die Gräber werden zugeschüttet. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Blitz. Keine Erschießungen mehr, hoffen wir, oder mindestens hier an dieser Stelle nicht.

Zehn von uns verscharren die Gräber. Es ist sehr schwer, die versteinerte Erde aufzureißen. Wir verscharren sie mit Schnee. „Siehst du, da liegt Mladjo“, sagt mir einer, der ihn begraben hat. „Hast du gesehen ob er einen Ehering hatte?“. „Nein, den hat er Jova gegeben, er hat ihm versprochen, ihn zu retten, aber…

Wir schütten sie zu und verabschieden uns. Verabschieden uns in unseren Namen, im Namen derer, die überlebt haben und im Namen von denen, die auf sie warten und hoffen. Umsonst. 300 Kameraden bleiben hier für immer.

Übersetzt von Jovan Arsenić, 2019

Slavko Vukić, geboren 1923 in Kikinda, Banat. Vor dem Krieg hatte er eine Ausbildung zum Tischler absolviert und wurde Mitglied der Kommunistischen Jugend Jugoslawiens. Als solcher wurde er festgenommen und kam ins Gefängnis „Kurija“ in Kikinda. Von dort wurde er nach Norwegen deportiert. Aus seinen Erinnerungen Sećanje iz Norveške; Kidinda 1979.

Das Schiff fuhr langsam in den Hafen von Narvik ein. „Die Sonne scheint und scheint, aber wärmt überhaupt nicht“, sagte einer der Kameraden. Ich schätze, es ist ungefähr 22Uhr. Die Deutschen sind ruhiger geworden. Sie provozieren uns nicht mehr, aber seit gestern haben sie uns nichts zum Essen gegeben. „Wenn iohr da ankommt“, sagten sie. Von dem mehrtägigen Schaukeln und der Seekrankheit auf dem Atlantik haben sich nicht alle erholt. Jedem von uns konnte man die Blässe und die fehlende Kraft ansehen.

27.6.1942. In einer Stunde wird es der 28.6. Wir haben vom Deck aus die Häuser von Narvik beobachtet. Es ist, als hätten sie auch uns beobachtet. Sie waren bunt und eingeschossig. Obwohl noch weit entfernt, habe ich die Gesichter an den Fenstern gesucht. Umsonst. Nur die Möwen über uns haben den Mut gehabt, mit ihrem Gekreisch die Jugoslawen zu begrüßen.

Aber so viel Militär, wie in dem Hafen von Narvik, hatte man vorher nur beim Empfang von berühmten Staatsoberhäuptern gesehen. Pedantisch in Reihen aufgestellt, haben sie gewartet, dass das Schiff anlegt. Es wurde uns befohlen, mit unseren Sachen das Schiff zu verlassen. Wir Kräftigeren haben den anderen, Schwächeren geholfen.

In den letzten acht Tagen, von Stettin nach Narvik, haben wir gedacht, dass wir (ca. 300) die einzigen Passagiere auf dem Schiff sind. Erst im Hafen sahen wir, wie aus dem hinteren Teil dieses riesigen Schiffes, weitere Häftlinge herauskommen. Eine sehr lange Kolonne formierte sich.

Von Narvik sind wir zu Fuß nach Beisfjord gelaufen. Wir liefen durch das Tal, am Rande eines Gebirges. Der Berg hatte viele Wasserfälle. Einer der Kameraden, kraftlos und durstig, rannte zum Wasser. Mit den Händen versuchte er, das Wasser zum Mund zu führen. Die Kraft des Wasserfalls war so stark, dass sie ihn fast in den Fjord gestürzt hat. Ein Deutscher mit dem Maschinengewehr verkürzte seine Bemühungen.

Es gibt wenig Grün hier auf den Granitbergen. Der Fjord wirkt grau und leblos. Wir wurden von übellaunigen Wachmännern geführt. Alle fünf, sechs Meter stand einer und hat uns mit dem Maschinengewehr gestoßen. Wir sind fast gerannt und wussten nicht, wieviele Kilometer es von Narvik bis Beisfjord sind. Die ersten Kilometer gingen gut, aber danach wurden wir langsamer. Drei Mal hörten wir Maschinengewehrsalven. Unter den Wachmännern, die uns geführt haben, waren auch viele norwegische Quislinge. Sie waren schlimmer als die Deutschen.

Schon seit drei Stunden laufen wir. Zwölf Kameraden sind tot liegen geblieben, bevor wir Beisfjord erreicht haben. Eine Ortschaft mit ca. 50 Häusern. Bevor wir das Lager betreten haben, liefen wir an den schön eingerichteten Baracken vorbei, in denen deutsche Soldaten wohnten. Sie haben uns ausgelacht, geflucht und mit Steinen nach uns geworfen. Am Eingang des Lagers treffen wir auf die typisch faschistische Ironie. Ein mit grünen Blättern geschmückter Bogen über dem Eingangstor auf dem etwas auf Deutsch geschrieben steht. Später übersetzten es die Kameraden für uns: „Mit fleißig Arbeit – Weg in [zur] Freiheit“.

Das Lager war neu. Das konnte man gut am Zustand der Baracken sehen. Wir waren die ersten Gefangenen.

Wir 42 aus Kikinda kamen alle in ein Zimmer. [Die Namensliste gibt es im Buch]. Die Zimmer waren leer. Wir lagen auf dem Boden. Ich schlief mit Dragan Mikalacki zusammen. Eine Decke haben wir auf den Boden gelegt und mit der zweiten haben wir uns zugedeckt. Nach der langen Reise zu Fuß haben uns die Deutschen zwei Tage in Ruhe gelassen.

Nach zwei Tagen befahlen sie uns, auf den Platz vor den Baracken raus zu kommen und uns in Reihen aufzustellen. Zu uns kam eine kleine Gruppe von SS- Offizieren. Der wichtigste unter ihnen war Dr. Martini [Franz de Martin]. Wir nannten ihn Russe. Er war ca. 30 Jahre alt, ziemlich dunkel, mittlerer Größe, aber mit der Haltung eines Ariers – kalt und arrogant. Er ging vor den 900 Kameraden hin und her und rief: „Dolmetscher“. „Es soll derjenige rauskommen, der sehr gut Deutsch kann. Ich weiß, dass es ihn unter euch gibt. Wenn er sich nicht meldet, wird er sofort getötet“. Von der rechten Seite trat Mile Arsenov aus der Reihe und ging langsam zum „Russen“. Der hat ihm was erzählt und danach wandte sich Mile an uns: „Dies ist die Hausordnung: Wir werden Frühstück und Mittagessen haben. Abendessen gibt es nicht. Jeden Morgen gibt es Zählappell. Jeder muss sich vor seinem Zimmer hinstellen. Die Zimmerleiter, wie wir selber wählen, werden Rapport geben. Wir werden nicht arbeiten gehen, sondern nur das Lager und die Umgebung in Ordnung halten“.

Eines Morgens, nach dem Zählappell, begann ein kalter Regen auf unsere bloßen Körper zu tropfen. Mehr als eine Stunde haben wir auf den „Russen“ gewartet. Als er endlich in einem Regenmantel ankam, standen wir schon fast erfroren, mit Gänsehaut da. Gegenüber von uns sind ein paar Kameraden umgefallen. Wir wussten, was das bedeutet. Da konnte keiner mehr helfen.

Keinem von uns sind mehr die Haare gewachsen [Nur sicherheitshalber die Nachfrage: Keiner von uns hat sich mehr die Haare gewaschen-NEIN gewachsen war schon richtig], keiner hat sich rasiert, keiner hat die Nägel geschnitten. Dafür war einfach kein Wille und keine Kraft mehr vorhanden. In den gesamten vier Jahren habe ich einmal die Haare geschnitten und dreimal geduscht. Die ganze Zeit war ich voll mit Läusen, die zu knacken mittlerweile eine Alltagsbeschäftigung geworden ist

Ich weiß nicht, wer und wann ein großes Grab direkt neben dem Stacheldrahtzaun gegraben hatte. Es war an der äußeren Seite des Drahtes, direkt vor den Augen des Wachmannes, der vom Wachturm aus mit zwei MGs Wache hielt. Es war schon der 20. Tag, als ich gesehen habe, wie aus dem Zimmer auf der anderen Seite des Lagers die toten Kameraden rausgetragen und auf einen Wagen gelegt wurden. Drei anderen haben den Wagen mühsam zum Stacheldraht geschoben. Auf ein Zeichen vom Wachmann kamen sie durch eine neue Öffnung im Zaun direkt vor den Graben. Sie kippten den Wagen um und die Leichen sind im Graben verschwunden.

Aus dem Lager raus zum Arbeiten gingen wir nicht, aber dafür ist ein Programm zu unserer Vernichtung gelaufen. Sie haben uns sehr häufig auf dem Platz antreten lassen – sogar 20 Mal am Tag. Wir standen stundenlang und haben einfach gewartet. Meistens kamen die Unteroffiziere der SS und haben uns auf verschiedene Arten drangsaliert. Ihr Hauptspaß war, die Schwächsten unter uns auszusuchen, und ihnen Holzkarren zu geben. Einer musste sich reinsetzen und der andere schob ihn bis zum Ort, den sie bestimmt haben. Natürlich, einige sind nach paar Metern umgefallen, die anderen konnten nicht mal losfahren. Jeder wusste, was kommt: mit schweren Militärstiefeln traten sie auf die schwachen Körper. Sie konnten nicht mal einen Laut von sich geben, so schwach wie sie waren. Diese Unglücklichen fehlten dann beim morgigen Zählappell. Das Bild wiederholte sich. Der Wagen aus Holz, drei Leute schieben ihn, der Wachmann lässt sie durch, den Wagen umkippen, die weiße Kreide drüber. Wir warten auf den morgigen Tag um zu sehen, wie viele in der Reihe fehlen werden.

Ich erwähne das ESSEN, das wir bekommen haben, nicht, da dies wirklich kein Essen war. Irgendwas war da. Das gesamte grüne Moos in dem Lager wurde „genüsslich“ verkostet. Ich habe zwei Kameraden beobachtet, die in der Sonne saßen. Einer hatte Sonnenbrand, so dass er eine Blase auf der Schulter hatte. Der andere pellt ihm die Blase, aber er schmeißt die Haut nicht weg, sondern steckt sie in seinen Mund. Es war das Morgengrauen des Kannibalismus.

In einer Ecke des Lagers habe ich gemerkt, wie zwei Baracken mit Stacheldraht umzäunt werden. Es wundert mich: innerhalb eines umzäunten Lagers noch eine Umzäunung? Jemand von den Kameraden klärt uns auf: Es wird eine Ambulanz für alle Kranken geben und der Zaun ist eine Art Sicherheit für die Quarantäne. Die Deutschen sagten beim Zählappell, alle, die sich krank fühlen, können in die Ambulanz gehen. Sie müssen einfach ihre Zimmerleiter informieren. Vor der Ambulanz stand ein Wachmann, der alle reingelassen hat, aber keiner durfte raus. Es waren nicht wenige, die auf diesen Trick reingefallen sind. Ihre kranken Freunde besuchen, hieß, die Last des schwarzen Holzwagens werden. Die Ambulanz füllte sich schnell, was irgendwie auch verständlich war. Es gab viele Kraftlose und Kranke, und die Umstände in der Ambulanz waren etwas besser. Man musste nicht zum Zählappell, oder nackt draußen laufen und es gab kein Drangsalieren. Die Deutschen sind tagsüber in die Zimmer gekommen und haben die Kranken, die in Betten lagen, in die Ambulanz gezwungen. Es wurde geglaubt, dass die Ambulanz medizinisch ausgerüstet ist und dass dort den kranken Kameraden einigermaßen die Schmerzen gelindert werden. Nach ein paar Tagen waren wir im Zimmer nur noch die Hälfte. „Denkt ihr, die Deutschen haben uns hierher geschleppt, um uns zu kurieren?“, fragte und antwortete der ältere Steva. Ich habe mich entschieden, nicht hinzugehen. Das war die schicksalshafteste Entscheidung, die ich in diesen Tagen unter dem Einfluss von Steva getroffen habe.

17.7.1942, 20 Uhr. Die Sonne stand hoch. Ein ruhiger, warmer Abend in Beisfjord. In dem Lager ist keine Menschenmenge mehr zu Anfang. Sogar die Deutschen kommen nicht mehr in das Lager. Das ist auch irgendwie merkwürdig. Irgendwas haben sie vor, denke ich.

Früher stand nur ein Wächter vor der Ambulanz, jetzt sind es viele. Wir sehen keinen, der rauskommt. Die Offiziere ziehen Gummischutz über die Stiefel und treten in irgendeine Flüssigkeit, bevor sie in die Ambulanz reingehen. Niemand durfte sich der Ambulanz nähern und wir wussten nicht, wie viele Leute da drin sind. Ein paar Wächter sind durch die Baracken gelaufen und haben alle zum Zählappell gerufen. Der „Russe“ kam mit seinem neuen Dolmetscher Ale: „Alle werden evakuiert aus dem Lager, da eine Typhus-Epidemie ausgebrochen ist. Zu unserer Rettung müssen wir sechs Wochen weg in Quarantäne gehen.“

Während er das erzählt hat, sind die LKWs schon angekommen, alles war bereit für den neuen Transport. Natürlich gab es keinen Typhus, aber dieses erschreckende Wort, wurde als Ausrede benutzt. Es wurde uns befohlen, unsere Sachen abzuholen und uns vor unseren Baracken hinzustellen. Wir waren nur noch 10 von 42.

Zehn Meter von uns entfernt haben wir gesehen, wie sich um die Ambulanz noch mehr Wächter versammeln. Es gab nicht genug LKWs, um uns alle auf einmal zu transportieren. Wir haben als letzte das Lager verlassen. Manche haben das Warten genutzt, um die Kameraden zu zählen. Wir waren 500 von 900, die nach Beisfjord gekommen sind. Wir warteten und beobachteten stumm. Wir sahen drei Wächter, die mit MGs vier Häftlinge zum Fluss führten. Baracken haben uns den Blick verstellt, so dass wir sie nicht weiterverfolgen konnten. Plötzlich hörten wir Maschinengewehrsalven, und direkt danach kamen die Wächter zurück. Sie eilten, um neue Opfer zu holen. In der nächsten Gruppe war auch Mile Arsenov. Traurig haben wir uns von Mile verabschiedet. Wie wir abschätzen konnten, haben sie vor unserer Abreise 50 Männer erschossen.

Die Reise dauerte ca. fünf Stunden. Wir legten an einem Kai aus Holz an. Eine Masse von Deutschen und Quislingen in besonderen Uniformen haben auf uns gewartet. Wir hatten mehr Angst vor den Quislingen als vor den Deutschen. Mit einem LKW sind wir Richtung unbekannte Berge losgefahren. Keine Vegetation, nur Moos war zu sehen. Nach ca. einer Stunde sind wir angekommen. Wir sahen Kameraden, die vor uns losgefahren waren, sie waren von Wächtern umstellt. Wir stiegen aus und gingen zu einer Erhöhung. Der Ort war „ideal“ aus der Perspektive der Sicherheit. Deswegen war er sicherlich auch ausgesucht. Kein Mensch war ca. 30 km um uns herum. Um den Hügel herum war eine offene Sicht. Nicht einmal Vögel waren hier.

Der Dolmetscher Ale, mit dem Schlagstock in dem Arm, kam und befahl uns, anzutreten, uns in Reihen hinzustellen. Im Tal sahen wir die SS-Männer, die sich näherten. Der markanteste und gefährlichste von allen war Hauptsturmbannführer Seifert. Mit seinen 100 kg sah er beängstigend aus. Er hatte schwarze Handschuhe und schwarze Stiefel. Der rechte Stiefel war an der Außenseite abgewetzt, weil er immer mit seiner Riemenpeitsche an sie geschlagen hat. Auf dem Kopf hatte er eine typische Mütze der Alpen-SS-Einheiten.

„Kommunistische Schweine, ihr seid hier in Quarantäne. Wenn in sechs Wochen keine Krankheit ausbricht, werdet ihr dahin zurückgebracht, woher ihr gekommen seid. Falls die Krankheit ausbricht, werdet ihr alle erschossen. An dieser Stelle werdet ihr euch selber ein Lager aufbauen und ihr werdet jeden Tag zur Arbeit gehen. Wenn ihr gut arbeitet, werdet ihr Essen bekommen“ – übersetzte uns Ale seine Worte.

Dieser Berg des Todes ,wie wir ihn genannt haben, aber eigentlich Björnfjell (Bärenberg) hieß, hatte ca. 70 m Durchmesser. Und war total mit Moos bedeckt, das man sehr schwer mit nackten Händen beseitigen konnte. Und unsere Aufgabe war genau das: mit nackten Händen den Berg vom Moos zu befreien. Wir hatten kein Werkzeug. Für unsere momentanen physischen Fähigkeiten war es einfach zu viel. Nach zwei Tagen hatten wir überhaupt keine Kraft mehr. SS-Männer haben uns mit Schlägen gezwungen, weiterzumachen.

Das ESSEN war das wie in Beisfjord. In den ersten Tagen war das WETTER schön. Jeder von uns hatte eine Decke. Eine haben wir auf den Stein gelegt und mit zwei anderen haben wir eine Art Zelt gemacht in dem wir dann zu dritt, ohne Decken, geschlafen haben.

Es hat angefangen zu regnen. Dieser kleine, langweilige und lange Regen. Es gab sogar Schnee, obwohl es erst Juli war. Nachts war es sehr kalt. Es war schwerer nachts da zu liegen als tagsüber zu arbeiten und Schläge zu bekommen. Da wir zu dritt in den Zelten geschlafen haben, hat immer einer in der Mitte geschlafen. Wir haben jede Nacht gewechselt, da die in der Mitte es immer wärmer hatten, als die die außen lagen.

Die Deutschen wollten, dass wir schneller werden, da jetzt auch Werkzeug da ist: Spaten, Schaufel und Karren. Je schneller wir werden, desto schneller werden die Baracken aufgestellt. In diesen Tagen habe ich zum ersten Mal gesehen, wie ein SS-Mann den Stock wegwirft und einem Häftling befiehlt, ihn zu holen. Als dieser dahin läuft, hören wir die Schüsse. Ausrede des Wächters: Er wollte wegrennen. Der Getötete lag zwei Tage an der Stelle, bis eine Gruppe von Kameraden einen Graben ca. 500 m entfernt gegraben hat und ihn als erstes Opfer dort begraben hat.

Seifert hat uns regelmäßig auf der Arbeitsstelle besucht und uns wie ein Wahnsinniger mit seiner Peitsche geschlagen. Den Wächtern hat er gesagt, dass sie jeden Faulenzer umbringen sollen. Wir mussten mindestens zwölf Stunden am Tag arbeiten. Jeden Tag wurden sechs bis zehn Kameraden erschossen. Und vom Hunger, vom Schlagen oder von der Schwere der Arbeit starben vier bis sechs Kameraden. In einem Teil des Lagers war die „Deponie“ für die Toten. Morgens, beim Zählappell, kam Seifert, bekam den Rapport und ging dann zur Deponie, um die Toten zu sehen. Sie mussten geordnet nebeneinander liegen, so dass er jeden einzelnen gut sehen konnte.

Ich glaube, hier auf dem Berg des Todes war etwas Einzigartiges, was man den Gefolgsleuten des Führers und der verführten Hitler-Jugend zeigen wollte. Deswegen kam wohl eines Tages ein Film-Team. Ich erinnere mich an die Einstellungen. Wir standen in der Schlange um das Essen zu bekommen, wir arbeiten… usw. Vor dem Objektiv standen auch einzelne Kameraden. Ich war auch einer von ihnen. Seifert ging zusammen mit dem Kameramann und zeigte ihm, welche Details er aufnehmen sollte.

Eines Tages kamen die Baracken. Sie wurden unten auf der Straße, 300 m vom Lager entfernt, angeliefert.

Nachdem die Baracken da waren, mussten wir im Straßenbau arbeiten. An der Stelle, wo wir angelegt hatten, führte eine provisorische Straße. Diese Straße musste man verlängern bis zu den Schienen, die von Narvik nach Schweden führten.

Es war Sonntag. Der zuständige Offizier der Arbeit gestern war unzufrieden mit dem, was wir geschafft haben und hat dementsprechend Rapport bei Seifert gemacht.

Wir lagen etwas länger im Bett und haben geredet. Keiner konnte ahnen was kommt. Bis in die Nachmittagsstunden war alles in Ordnung, als plötzlich Seiferts Leute kamen und allen befahlen, auf dem Platz vor den Baracken anzutreten. Ale übersetzte: Es wird eine Sportveranstaltung geben. – Was für eine Veranstaltung, wenn wir sehen, wie sich an allen Seiten, hinter dem Stacheldrahtzaun Wächter hinstellen? Sie standen im Abstand von 10-15 Metern und warteten, dass die „Tour de Björnfjell“ anfängt. Ale übersetzte weiter: Alle müssen sechs Runden (eine Runde ist ca. 250-300m) um das Lager rennen. Der es nicht schafft, wird getötet werden. Herr Kommandant sagt, er wird getötet, weil die deutsche Armee keine Faulenzer und Kranke futtern will.

Wie sollten wir rennen, wenn wir nicht mal laufen können? Keiner hat geglaubt, auch nur eine Runde zu schaffen. Und jetzt wurde uns auch klar, wozu die Wächter mit den Schlagstöcken am Zaun standen. Wir zählten sie wie Hürden, die man überwinden muss.

Wir haben uns angeguckt und uns mit Blicken voneinander verabschiedet. Das Rennen startete. Mit unsicheren Knien haben wir langsam angefangen, bemüht so wenig Schläge wie möglich von den ungeduldig wartenden Wächtern zu bekommen. Ich habe irgendwie die sechs Runden geschafft und habe das Ende des Rennens beobachtet. Ich war 18, das hat mich gerettet. Viele hatten nicht dieses Alter. Und viele hatten schon seit Monaten Hunger. Vor allem die, die aus Jasenovac, Nis, Sarajewo oder Zagreb kamen. Sie konnten kaum gehen und nicht rennen. Kraftlos liefen sie an den Wächtern vorbei. Seifert hat seinen „Schülern“ die Schlagstöcke weggenommen und wild geschlagen um zu zeigen, wie man die Faulheit kurieren kann.

Manche haben ein, zwei Runden geschafft, aber danach waren sie kaputt von dem ganzen Schlagen und haben aufgeben und mussten in den Teil des Lagers für die „Abgeschriebenen“ gehen. Wie Ale übersetzte: „Wer nicht rennen kann, soll sich dort hinstellen“. Manche haben die Wächter zu der Stelle geführt. Einer der Kameraden ist umgefallen. Seifert hat ihm die Peitsche um die rechte Hand gewickelt und ihn so über den steinigen Weg gezogen. Die Tortur dauerte eine Stunde. Auf der Stelle für Abgeschriebene standen ca. 60 Männer. Alle mussten stehen, auch der, der hingezogen wurde. Seifert hat sie gezählt.

Ab Mitte September gab es immer mehr Schnee. Morgens war sehr starker Frost. Wir hatten noch weniger Kraft. Man spürte auch bei den Deutschen, dass wir bald weggehen werden. Aber dann wurde plötzlich auch hier eine Ambulanz eingerichtet, wie in Beisfjord. Wer nicht arbeiten konnte, musste in die Ambulanz.

Ende September. Die Zimmer sind halbleer. Wir hören draußen laute Stimmen. Eine Masse von Soldaten steht vor dem Lager und wartet. Seifert ist mit ein paar Offizieren in das Lager gekommen und befiehlt Ale, er soll alle Häftlinge aus der Ambulanz auf den Platz bringen. Die Leute schleppen sich langsam raus. Ich konnte kaum glauben, dass so viele Menschen aus so einer kleinen Ambulanz rauskommen können. Sie standen sehr mühsam. Die, die nicht laufen konnten, wurden von Ales Männern wie Baumstämme rausgetragen. Es wurde auch uns befohlen, dass wir antreten und uns gegenüber hinstellen. Seifert kam zu uns. Er lief von einem zu anderen und hat uns von Kopf bis Fuß betrachtet. Einige Kameraden, die am Ende ihrer Kräfte waren, hat er ausgemustert und ihnen gesagt, sie sollten auf die andere Seite gehen. Auf ihrer Seite waren mehr Männer. Seifert hat aus ihrer Reihe 30 ausgesucht, die zu zweit diejenigen tragen sollten, die nicht gehen konnten.

Wir haben geweint als wir sie zum letzten Mal gesehen haben. Über 150, vielleicht 170 Kameraden waren in der Kolonne der „Abgeschriebenen“.

Alle haben es versucht und meisten es geschafft, uns zu winken als letztem Gruß.

Ich weiß, er war lange in der Ambulanz, wir haben uns lange nicht gesehen, erst jetzt sehe ich ihn wieder, in dieser Kolonne. Er kann kaum laufen, ich sehe sein demoliertes Gesicht und ich fühle, wie er bei jedem Schritt zittert. Er läuft die letzten 500 Meter seines Lebens. Kommunist Nika Jolić aus Mokrin. Er lief über den Bärenberg in Norwegen, weil ihm ein Unmensch in Mokrin einen Bärendienst erwiesen und ihn denunziert hat.

Ich kannte die Leute aus Melenze: Ivan und Djura Batanjski, Veljka Dabić, Ziva Stojkov, Mimirov und Pandurov, Zivu i Arsu Popov. Sie waren zehn in dieser Kolonne. Ich beobachtete Rada Protić, mit dem ich öfters gesprochen habe. Er war immer optimistisch und voller Hoffnung. Ein unvergessliches Bild. Ich sehe ihn, wie er Arm in Arm läuft, mit seinen Freunden aus Melenze. Er singt ein Lied aus Trotz, ein Lied als einziger Waffe, die ihm geblieben ist, um damit diese Ungeziefer zu töten, die ihn davon abhalten werden, seine Straße in Melenze wiederzusehen. Als sie das Lager verließen, haben die Kameraden zusammen mit Rada das Lied gesungen: Hej, cija Frula ovi sorom svira (Hej, wessen Flöte spielt in dieser Straße). Ich habe geheult, als ich das Lied gehört habe. Sie sind langsam gegangen. Sie waren umgeben von Soldaten. Seifert lief an der Seite und hat mit seiner Peitsche auf seinen Stiefel geschlagen.

An diesem Septembertag sind wir lange draußen geblieben und haben in kurzen Abständen die Maschinengewehrsalven gehört.

LKWs haben uns am Torbogen ausgeladen. Es fehlten die grünen Blätter, aber die Schrift „Mit fleißig Arbeit – Weg [zur] Freiheit“ war noch da.

Übersetzt von Jovan Arsenić, 2019

Stellungnahme von Dr. Jovan A. Krstić in der jugoslawischen Gesandtschaft in Stockholm, 28. Juli 1944 [Arhiv Jugloslavije, Fond br. 110, Fasc. br. 588]

Als ich am 2.10.1943 ins Lager Botn kam, herrschten dort grausame Zustände. Die Hälfte der Gefangenen waren Haut und Knochen, sie konnten kaum laufen und wurden gezwungen, täglich arbeiten zu gehen. Sie mussten bei jedem Wetter arbeiten. Zu essen gab es sehr wenig, nur zweimal am Tag. Die Kleidung und die Schuhe waren zerrissen und kaputt. In den Baracken wohnten sie in einem Raum zu 50-60 Mann, obwohl dort eigentlich keine 30 Leute hineinpassten. In den Räumen war es sehr stickig. Die nasse Kleidung wurde in den Räumen getrocknet, die Luft war unerträglich. Zwei Drittel der Menschen hatten über den ganzen Körper verbreitete Krätze, so dass sie in der wenigen Zeit, die sie zum Schlafen hatten, wegen des ständigen Juckreiz kaum schlafen konnten. Es gab ca. 30 Fälle mit fortgeschrittener Tuberkulose. Viele hatten geschwollene Beine infolge des Hungers. In der Ambulanz traf ich einige Fälle mit gebrochenen Beinen, Armen und einen Fall von gebrochenem Kiefer. Dies alles waren Folgen des ständigen Schlagens.

Sehr viele hatten Läuse. Waschräume existierten nicht. Die Gefangenen wurden zum nahegelegenen See geführt, in dem sie bei sehr kaltem Wetter und eisigem Wasser baden mussten. Das Lager liegt oberhalb des Polarkreises. Die Kranken und Verwundeten wurden mit einem Wagen zum See transportiert und in das eisige Seewasser geworfen. Die Wunden wurden mit scharfen Bürsten geschrubbt.

Kurz, das Lager sah nicht nach einem Arbeitslager aus. Einen Arzt gab es nicht. Ich traf in der Ambulanz einen serbischen Arzthelfer: Nikola Lukić. Die deutschen Ärzte besuchten das Lager gelegentlich. Der Lagerleiter erlaubte aber den erkrankten Gefangenen nicht, diese ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er hat sie während des Arztbesuches bewusst zum Arbeiten geschickt. Es ist sogar passiert, dass jemand, den ein Arzt in der Ambulanz behalten wollte, am nächsten Tag vom Lagerleiter hinausgejagt und zum Arbeiten gezwungen wurde. Nachdem ich angekommen war versuchte ich, mich für die erkrankten Gefangenen einzusetzen, aber ohne Erfolg. Der Lagerleiter hat sich auch in meine Arbeit eingemischt: Ich nehme einen Patienten in die Ambulanz auf, aber er kommt und jagt ihn hinaus. Ich verbinde die Wunde eines Patienten, aber er kommt und nimmt ihm den Verband ab. – Kurz nach meiner Ankunft hatte ich einen Patienten, der auf der Arbeit eine Kopfwunde erhalten hatte. Äußerlich sah die Wunde nicht so gefährlich aus, aber ich sagte dem Lagerleiter, dass es sich um einen Schädelbruch handele. Der Lagerleiter sagte mir, es wäre doch nichts Schlimmes und der Gefangene müsse arbeiten gehen. Er sagte mir, ich wäre neu im Lager und würde die Leute noch nicht kennen und dass jener ihm als „Faulenzer“ schon längst aufgefallen wäre. Am nächsten Tag wurde der Gefangene auf Befehl des Lagerleiters zur Arbeit geschickt. Kurze Zeit danach starb der Gefangene in der Ambulanz an einer Gehirnentzündung.

Übersetzt von Jovan Arsenić, 2019

Novak Todorović, Stellungnahme nach seiner Flucht, Jugoslawische Gesandtschaft in Stockholm, 26. August 1942 [Arhiv Jugloslavije, Fond br. 382, Fasc. br. 1; Gespräch mit ihm in Cveja Jovanović „Flukt til friheten“, s. 71-76]

Ich heiße Novak Todorović, geboren wurde ich am 1. Januar 1916 im Dorf Trbusani in Serbien. Seit 1936 bin ich verheiratet und habe eine 5jährige Tochter.

Am 23. Dezember 1941 kamen die Deutschen und die Einheiten von General Nedić in unser Dorf und haben alle erwachsenen Männer mitgenommen. Sie haben uns nach Prijevor bei Chachak gebracht. Dort haben sie uns in Partisanen und Chetniks aufgeteilt. Chetniks haben sie freigelassen, uns Partisanen haben sie in ein Lager in Chachak transportiert. In dem Lager waren ca. 400-600 Menschen. Die gefangenen Partisanen wurden in drei Gruppen geteilt. Alle Männer der Gruppe A wurden nach 25 Schlägen nach Hause entlassen. Alle Männer der Gruppe B wurden weiter in das Lager Banjica transportiert. Die Männer der Gruppe C wurden erschossen. Gruppe B war die größte Gruppe. Etwa 40% der Gefangenen waren in Gruppe C.

Ich war vier Tage in dem Lager. Ich wurde nicht geschlagen, aber ich musste zusammen mit den anderen aus der Gruppe B zwei Meter breite, 20-30m lange und 1,5m tiefe Gräber graben. Dort wurden die erschossenen Partisanen aus der Gruppe C begraben. Da die Leichen nicht so tief unter der Erde lagen, kamen immer wieder hungrige Hunde und haben sie ausgegraben und gefressen. Als wir neue Gräber gegraben hatten, hatten die Hunde schon die alten ausgegraben.

Vom 28.11.1941 bis zu meinem Transport nach Belgrad in das Lager Banjica hatten die Nedić Leute ca. 4000 Partisanen aus dem Lager in Chachak erschossen.

Am 28.12.1941 wurden 134 von uns aus dem Lager in Chachak in das Lager Banjica transportiert. Dort wurden wir zuerst von den Agenten der Stadtverwaltung verhört. Wir wurden zu zehnt in die obere Etage geführt, nackt, nur in Unterhosen. Während des Verhörs haben mich zwei Agenten geschlagen, einer trat mir mit den Füssen in den Bauch und der andere schlug mit dem Gummistock auf meinen Rücken. Egal was meine Antwort auf ihre Fragen war, haben sie mich weiter geschlagen. Sie fragten ob ich Kommunist bin, ich sagte nein, aber sie schlugen weiter.

Ich habe vier Monate im Lager Banjica verbracht. Wir waren ca. 150 Mann in meinem Zimmer. Wir lagen auf dem Boden ohne Decken. Sie haben uns nicht herausgelassen. In dem Zimmer gab auch keine Toilette. Unsere Notdurft haben wir dort verrichtet. Wir bekamen 200g Maisbrot und 1 Liter Suppe – aus Kartoffeln, Bohnen oder Grünkohl. Nedićs Wachleute haben uns für jede Kleinigkeit geschlagen. Oft auch ohne Grund. Wir durften nichts bei uns haben. Die Pakete, die uns unsere Familien gesendet haben, haben sie uns nicht gegeben.

Am 20. April 1942 kam der berüchtigte Vujković, Leiter des Lagers Banjica, in unser Zimmer. Er sagte, dass wir alle, die gesund sind, nach Deutschland zum Arbeiten geschickt werden. Er sagte, wir werden bezahlt wie alle anderen ausländischen Arbeiter dort und dass wir die Hälfte des Lohns unseren Familien nach Serbien werden senden können. Er sagte, es werde uns dort gut gehen und wer nicht hingehen will, riskiert, im Lager zu sterben oder getötet zu werden.

Sie taten, als würden sie uns untersuchen, aber wir wurden fast alle als „gesund“ erklärt.

Am 26. April sind über 2500 Männer von uns mit drei Schiffen die Donau entlang in Richtung Deutschland losgefahren. Auf den Schiffen ging es uns einigermaßen gut. Die Wachmänner waren Österreicher. Als wir nach Wien kamen, wurden wir in Zügen in das Lager Mödling bei Wien transportiert. Dort haben wir nicht gearbeitet, das Lager war sauber, das Essen einigermaßen gut und wir wurden nicht geschlagen. Die Wachleute waren Österreicher.

Mitte Mai wurden wir in Viehwaggons nach Stargard geschickt. In drei Tagen haben wir nur eine Pause gemacht und durften aufs Klo. Die Waggons waren die ganze Zeit von außen verriegelt. Auch die wenigen, die noch an die bezahlte Arbeit in Deutschland geglaubt hatten, haben nach dieser Reise die Hoffnung verloren.

Von Stargard aus wurden wir in einem kleinen Zug nach Altdammer in ein Lager transportiert. Dort war es sehr schlimm. Am ersten Tag bekamen wir überhaupt kein Essen. Erst am zweiten Tag haben wir 1kg gekochte Kartoffeln bekommen. Das Lager war sehr dreckig, Krätze und Läuse überall. Zu essen gab es 200g schwarzes Brot und 500g Kartoffelsuppe. Viele Leute sind krank geworden. Es gab keine medizinische Versorgung. Jeden Tag starben 1,2,3 Personen, meistens durch Hunger oder durch Schläge. Sie haben uns grundlos geschlagen. Am meisten hat uns ein SS Soldat geschlagen. Wir haben ihn „Weißmütze“ genannt, da er auf dem Kopf eine weiße Mütze trug, um seine Kleinhirn- Operationswunde zu schützen. Er war wahnsinnig. Er schlug, wenn jemand lag, „Wieso liegst du!“, wenn jemand saß, „Wieso sitzt du!“, wenn jemand rauchte… Er hat uns gezwungen, im Kreis zu laufen und dabei schlug er uns willkürlich. Wir blieben ca. einen Monat in Altdammer. Von dort kamen wir nach Stettin. Zum Teil zu Fuss, zum Teil mit dem Schiff.

Von Stettin aus sind wir mit vier Schiffen nach Norwegen gefahren. Acht Tage dauerte die Reise. Die Schiffe waren riesig. Außer uns transportierten sie auch Waffen und Munition. Ca. 900 Männer von uns sind in Trondheim ausgestiegen, ca. 430 fuhren von dort mit dem Zug nach Korgen und dann mussten wir 14km zu Fuß bis in das Lager Korgen laufen.

Das Lager war neu und sauber. Wir mussten das Grundstück von alten Baumstämmen räumen und die Straßen in und um das Lager erst einmal bauen. Die meisten Gefangenen in dem Lager waren Serben, aber es gab auch Kroaten, Slowenen, einige Bulgaren, Polen und Tschechen. Wir waren 45 Mann in einer Baracke, die normalerweise für 6 Soldaten geeignet war. Holzliegen auf drei Etagen mit Stroh waren unsere Betten. Wir haben auch jeder eine Decke bekommen. Es war kalt, weil sie uns unsere Wintermäntel weggenommen hatten. Diese Mäntel hatten wir in Altdammer bekommen. Die Deutschen sagten, sie sind von den getöteten Juden gewesen. In unserem Lager waren die meisten Bauern oder Fabrikarbeiter, ausserdem gab es auch Anwälte, Ingenieure, Professoren, Studenten und ein Arzt aus Südserbien. Es gab aber auch einige Kriminelle.

Das Leben war sehr hart. Wir sind um vier Uhr aufgestanden. Wir arbeiteten von 7-12 und 13-17 Uhr. Wir haben eine neue Straße gebaut. Wir haben die meiste Zeit gegraben und Steine transportiert. Das Essen war nicht ausreichend, aber bis zum 16. Juli nicht so schlecht. Abends gab es 200g Brot mit 25g Margarine, Speck, Honig, oder Wurst. Mittags 500g Suppe von ungeschälten Kartoffeln, Grünkohl oder Bohnen.

Wir wurden geschlagen. Wer beim Kartoffeln pellen erwischt wurde, bekam 10-25 Schläge. Für das Rauchen auch 10-25 Schläge. Wer nicht mehr arbeiten konnte, 25 Schläge. Wir hatten kein Wasser zum Waschen und auch keine Seife. Wir waren dreckig und voller Läuse. Wir waren oft krank, bekamen aber keine medizinische Versorgung.

Am 16. Juli 1942 hat Radovan Dimović beim Fluchtversuch einen SS Soldaten ermordet. Danach wurde das Leben für uns alle in dem Lager unerträglich. Wir wurden grundlos geschlagen, Arbeitszeiten wurden von 6-12 und 13-18 Uhr. verlängert. Die Essensrationen wurden kleiner.

Radovan Dimović und Vladislav Milić flüchteten am 16. Juli mittags. Der bei der Flucht verwundete Dimović hatte einen SS Soldaten erstochen und konnte entkommen. Wir wurden alle zurück in das Lager geschickt. Es wurde uns gesagt, was Milić und Dimović getan hatten. Sie haben uns befohlen, uns bis auf die Unterhosen auszuziehen und uns nebeneinander auf die Erde zu legen. Wir lagen so bis 22 Uhr. Wer sich ein wenig bewegt hatte, wurde sofort erschossen. An dem Tag wurden vier Männer erschossen. Danach haben sie uns in die Baracken gejagt, aber sie haben uns nicht schlafen lassen. Am 17. Juli morgens haben sie uns wieder vor den Baracken aufstellen lassen. Wir mussten bis 16 Uhr in Hab-Acht-Stellung stehen. Danach haben sie die 50 Schwächsten aus der Reihe rausgenommen. Sie haben sie uns gegenüber in Gruppen von zehn Männern hingestellt und vor Ort erschossen.

Am 16., 17., 18. Juli haben wir kein Essen bekommen. Am 19. Juli haben wir die Bohnensuppe vom 16.7. bekommen. Sie war sauer und schaumig. Wir habe alle gekotzt und haben Durchfall bekommen. Wir haben die Baracken völlig verdreckt, da sie uns nicht rausgelassen haben.

Nach den Erschießungen wurden 20 von uns in den naheliegenden Wald geführt, um dort die Gräber für die Getöteten zu graben. Die Wächter sagten „Ihr grabt gerade eure Häuser.“ Wir mussten die Getöteten dahin tragen und begraben.

Am 18. Juli mussten auch wir vor den Baracken Aufstellung nehmen. Drei Männer, die es nicht geschafft hatten, wurden sofort erschossen.

Am 19. Juli sind wir wieder zum Arbeiten geführt worden. Von diesem Tag bis zu meiner Flucht wurden täglich mehrere Leute getötet, die nicht mehr gut arbeiten konnten. Insgesamt wurden bis zu meiner Flucht über 70 Menschen getötet und nach meiner Flucht ist die Anzahl sicherlich noch größer geworden.

Am 13. August gegen 13 Uhr kam während der Arbeit ein Pole zum mir, der gut Deutsch konnte. Er sagte, er hätte gehört wie SS-Leute sich unterhielten; ich und noch zwei andere Serben wären die nächsten, da wir Saboteure wären und die Flucht vorbereiten würden. Sie werden uns heute bei der Arbeit töten, sagte der Pole. Ich meinte zu ihm, es kann nicht sein, ich habe nichts gemacht und ich habe auch keine Flucht geplant. Er meinte, ich sage nur was ich gestern gehört habe. Ich kann dir nicht weiterhelfen. Mach was du willst, aber bitte sag nicht, dass ich dich informiert habe. Danach habe ich weitergearbeitet, bis ich nach ca. zehn Minuten einen Schuss hörte. Als ich mich umgedrehte, sah ich wie Stojan, einer von den beiden, die der Pole erwähnt hatte, nach vorne fiel. Er wurde in den Hinterkopf geschossen. Ein paar Minute später hörte ich noch einen Schuss, auch in den Hinterkopf von einem anderen. Ich kannte seinen Namen nicht. In dem Moment schob ich gerade eine Karre voll mit Erde als ich sah, dass der SS-Soldat seine Knarre wieder auflädt. Da habe ich die Karre den Berg runter geschmissen und bin in den Abgrund neben der Straße gesprungen. Alle Wachmänner haben sofort angefangen, auf mich zu schießen, aber da sie es von ihren Positionen aus taten, weil sie die bewachten Gefangenen nicht verlassen durften, wurde ich nicht getroffen. Ich schätze, es wurden über 100 Schüsse auf mich abgegeben. Aber ich bin von einem Felsen zum anderen gesprungen und habe mich dahinter versteckt. So habe ich es geschafft, schnell den Wald zu erreichen.

Nach sechs Tagen Reise, mit der Hilfe von Norwegern, die mir Unterkunft, Essen, Kleider und Tabak gaben und mir die Richtung gezeigt haben, bin ich in Schweden angekommen. Ich habe mich bei dem Wachmann in einer Grenzstation gemeldet und er hat per Funk die Zuständigen bei der Armee in Tärnaby informiert. Sie haben ein Auto geschickt, das mich abgeholt hat. Sie haben mich sehr gut empfangen. Sie gaben mir gutes Essen, Tabak und ich durfte zwei Tage in der Armeebaracke wohnen bleiben. Als ich mich in Begleitung eines schwedischen Soldaten auf den Weg nach Stockholm aufmachte, haben sie mir gute gebrauchte Schuhe gegeben, das Essen für 3 Tage und 9 Kronen in bar. In Stockholm kam ich am 23.8.1942 an. Dort übergab mich der Soldat der lokalen Polizei. Am 23.8. und 24.8. blieb ich bei der Polizei und am 25.8. 1942 morgens wurde ich zum Konsulat des Königreichs Jugoslawien begleitet.

Übersetzt von Jovan Arsenić, 2019

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