BLODVEGER – NS-Zwangsarbeit in Nord-Norwegen

Die sowjetischen Quellen für das Theaterprojekt sind das Tagebuch Konstantin Grigorjewitsch Seredinzews sowie Interviews bzw. Briefe aus der Sammlung Marina Panikars bzw. des Vereins Kontakte von: Wladimir Matweewitsch Chaustow, Fodossij Maksimowitsch Chotjajtschuk, Aleksandr Gawrilowitsch Denissow, Viktor Dumnow, Michail Alekseewitsch Iltschenko, Wladimir Nikolaewitsch Kalnin, Timofej Timofeewitsch Kljuch, Alksandr Iosifowitsch Lifanrjew, Lopatin, Sergej Semjonowitsch Makarow, Moroz, Igor Jakowlewitsch Trapizin, Nikolaj Dorofeewitsch Trubenko.


Konstantin Grigorjevitsch Seredinzevs Tagebuch wurde nach dem Krieg im Lager Trondenes (bei Harstad) gefunden. Als Beweismaterial für das Alliierte War Crimes Committee wurde es ins Englische übersetzt, von einem unbekannten russischen Übersetzer. Das Original ist verschollen; wir zitieren aus der Übersetzung. – Serdinzev wurde am 14. Januar 1912 bei Wolgograd geboren und starb am 22. Mai 1943 in deutscher Kriegsgefangenschaft; die Umstände seines Todes sind unklar, das Tagebuch schließt am 25. April, mitten im Satz.

Am 26. Dez 1942 in Gefangenschaft gekommen.

Heute ist der zweite Weihnachtstag. Am 24. Dezember haben wir bis 12.00 h gearbeitet. Das Weihnachtsfest scheint für die Deutschen an erster Stelle zu stehen. Das Essen ist nicht anders als sonst. Zum üblichen Essen haben wir vor den Feiertagen ein Päckchen Tabak bekommen, sechs Zigaretten und eine Zigarre, die es an allen Feiertag gibt. Am Morgen wieder die übliche Ration von zwei Zigarren. In jedem Raum gibt es einen Tannenbaum, den wir selbst geschmückt haben. Aber das ist kein richtiges Weihnachten, in dem fernen nördlichen Norwegen, hinter Stacheldraht mit deutschen Wachen. Aber schlimmer und schmerzvoller ist es, nicht zu wissen, wie es den Unsrigen zu Hause geht. Wer von ihnen lebt noch, wer nicht. Obwohl mein Schicksal so bitter ist, wie müssen erst alte Leute und Kinder leiden.

14. Januar 1943

Für die Russen ist es der 1. Januar nach dem Alten Stil. Es ist für mich ein Feiertag, mein Geburtstag. Ich bin heute 31 Jahre. Ich erinnere mich, wie wir ihn in der Familie gewöhnlich groß gefeiert haben. Es ist jetzt das zweite Mal, dass ich ihn ohne Feier und still verbringe in Gefangenschaft und halb verhungert. Seit dem 28. Dez. lag ich krank im Lager. Es wäre alles nicht so schlimm, wenn man genug zu essen hätte. Wir werden vor der kleinsten Krankheit geschützt. Wir müssen nicht mehr arbeiten als wir können. Wir können jeden Sonntag baden und unsere Wäsche waschen.

Wir hatten auch ein paar kalte Tage. Aber es ging nicht unter 18 Grad. Wir bekommen im Lager auch Zeitungen, die in Berlin für Kriegsgefangene gedruckt wurden „Der Schrei“, „Morgenrot“ und in ukrainisch „Neue Zeit“. Wie alle lese ich diese Zeitungen von der ersten bis zur letzten Seite.

26. Januar

Am 17. wurde ich aus dem Lazarett entlassen und ging wieder zur Arbeit. Wir arbeiten zusammen mit Norwegern, Tschechen, Serben, Polen, Dänen u.a., die dazu gezwungen wurden. Informationen über die Lage an der Ostfront sind ins Lager gekommen. Jeder spricht davon mit großer Freude. Die meisten hören voller Glück im Herzen und mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen, dass die Rote Armee große Siege errungen hat, dass die Deutschen so schnell zurückgeschlagen wurden wie sie am Anfang vorgedrungen sind und Städte wie Odessa, Charkov, Kiev und Rostov von unsren Truppen eingenommen wurden. Die Rote Armee hat Estland „bereinigt“ und den größten Teil der Ukraine befreit.

Ich wünsche ein baldiges Ende, aber nicht wie es die Ukrainer und die ehemaligen Kulaken erwarten, die mehr als die Hälfte von uns ausmachen. Mein Russland wird nicht erobert, und die Sovjets werden nicht sterben, auch wenn viele es sich erhoffen.

Karl Marx’ Idee ist unsterblich. Der Kommunismus wird in der ganzen Welt siegen. Ich werde meinen Platz in dieser Gesellschaft einnehmen als Mitglied mit allen Rechten wie alle anderen. Auch die Gefangenen werden auf die Probe gestellt werden. Nicht alle , die im Juli-August an der Süd-Ost-Front waren, sind Verräter ihres Vaterlandes. Von 13.00 h bis in den Abend sind weit entfernte, aber heftige Detonationen zu hören. Ich warte ungeduldig auf den Morgen, wenn ich beim Aufwachen die deutschen Wachen nicht mehr sehe. Es scheint mir, dass das noch in weiter Ferne ist. Der Krieg und unsere Gefangenschaft sollen schnell zu Ende gehen.

2. Februar

Es gab in dieser Zeit einen Geburtstag in meiner Familie. Eine meiner Töchter ist heute fünf Jahre alt. Hier habe ich ein Leben nicht als Mensch, eher als ein Tier, wo jegliche Kulturleistungen, alle politischen Rechte, Freiheit und Möglichkeit zum Leben genommen worden sind. Wenn sie über dich lachen und das Recht haben, dir ins Gesicht zu spucken, dich zu schlagen, ohne sich dafür verantworten zu müssen, dann ist das für dich ein Leben als Sklave. Wir haben alle geistigen Fähigkeiten verloren. Das quält mich genauso wie der Hunger, ebenfalls wie der Gedanke an Euch, die ihr auf dem Gebiet der „Befreier“ seid.

Ihr habt nicht beten gelernt, das ist auch nicht nötig. Aber ich möchte die Kräfte der Natur bitten, mein Los zu erleichtern, damit ich den Tag der Wiedervereinigung erleben und ein ruhiges Leben führen kann. Es spielt keine Rolle, ob es ein Leben in Armut ist, solange es in Freiheit ist. Lasst uns meine Lieben hoffen, dass der, der den Krieg angefangen hat ihn bald beendet und wir so glücklich leben können wie zuvor. Wir können von niemandem ein besseres Leben erwarten, und keine Macht kann uns das geben, auch wenn sie es versprechen. Die Lehre von Kommunismus und Sozialismus, die in Russland praktiziert wird, ist das Ideal, für das die Menschheit kämpfen muss. Andere Theorien, besonders die in „Mein Kampf“ ausgesprochen werden, dürfen nicht existieren, man darf ihnen nicht glauben. Wenn wir uns wieder sehen, werde ich euch vom wirklichen Gefängnisleben erzählen. Das wird euch zeigen, wer euer Vater ist. Ich sehe euch oft im Traum. Alja war zwei Monate alt, als ich euch verließ. Ich weiß nicht, was die Träume bedeuten sollen, aber es scheint mir, dass alles herum sich verändert hat. Was ich im Traum sehe, ist nicht mehr die Realität, d.h.ich werde euch nicht mehr wiedersehen. Mein Gott, soll mein Schicksal so bitter und Du nicht so gnädig sein, dass Du mich umkommen lässt irgendwo unter fremden Menschen, auf fremdem Boden?

18. Februar

Ich weiß nicht, ob es Absicht war oder Zufall, aber wir haben Lager Nr. 3 heute verlassen. Seit Ende Januar hieß es, dass unser Lager aufgelöst werden sollte. Wir waren hauptsächlich beschäftigt mit Bauarbeiten bei einem Fjord, 23 km von Trondheim entfernt, für die Firm H. Patzer. In den letzten zwei Wochen haben wir die Feldbahn abgerissen, Maschinen abgeräumt und Apparate eingepackt. Das deutet darauf hin, dass Deutschland den Krieg verliert. Seine Lage an der Front ist schlecht. Ich bin unglaublich glücklich. Schade, dass ich nicht an seiner totalen Vernichtung mitmachen kann. Um ein Uhr wurden wir 200 Mann auf kleine Schiffe verfrachtet, wie Vieh in ein dunkles Loch gebracht. Unser Bestimmungsort ist unklar.

23. Februar

Wir sind auf einer Insel angekommen. In Harstad wurden wir ausgeladen. Das Lager ist drei-vier km von der Stadt entfernt und viel schlimmer als das erste. Es gibt Sommer-Baracken von der Art von Pferdeställen, schmutzig, feucht und kalt. Schon jetzt ist klar, dass wir hier umkommen sollen. Von den 600 Kriegsgefangenen, die hier vor vier Monaten ankamen, sind noch 274 übriggeblieben. Die anderen sind tot. Oh Gott sei gnädig, vergib mir meine Sünden und hilf mir, alles auszuhalten. Wie schrecklich, unbekannt in einem fremden Land zu sterben. Und ich habe eine Familie, zwei kleine Kinder, einen alten Vater. Meine lieben Kinder betet zum Allmächtigen für die Rettung eures Vaters. Oder seid ihr auch so unglücklich wie euer Vater?

28. Februar

Jetzt bin ich fünf Tage hier und habe jetzt Informationen über die Arbeit und das Essen hier. Die Hoffnung, am Leben zu bleiben, war immer noch da, aber hier ist die letzte Hoffnung dahin. Ich schreibe weiter, obwohl ich nicht weiß, ob meine Notizen mich überleben werden.

Unsre Ration ist: morgens eine Suppe – heißes Wasser, mit Mehl angedickt, keinerlei Fett. Zuhause haben meine Schweine besseres Essen bekommen. Mittag um 12.00 h: ein kg Brot für drei Personen und 25-30 g Fett kombiniert mit Fischkonserven, 800 g für zwölf Mann und ¾ l Kaffee. Abendbrot um sechs Uhr. Eine sehr schlechte Suppe aus irgendeinem Abfall, selten mal eine Kartoffel darin. Die Suppe ist gekocht aus Büchsenfleisch. Sie schmeckt gut, ist aber dünn. Und da wir sie ohne Brot essen, ist das sehr dürftig. Die Arbeit ist nicht schwer, aber es ist viel. Heute haben wir von sieben Uhr abends bis morgens fünf Uhr gearbeitet. Ab heute ein Zehn-Stunden-Arbeitstag. Wir arbeiten an der Befestigung der Insel, dort gibt es Bunker. Zehn Stunden bei der mageren Ration mit Holzschuhen in dem kalten Wasser stehen, ist reiner Mord. So habe ich die Hoffnung aufgegeben, das Ende des Krieges zu erleben.

6. März

Vor sieben Monaten habe ich mit diesem miserablen Leben begonnen. Das hört sich nicht nach so viel an – 210 Tage – Frühstück, Mittag und Abendbrot, die nur dazu dienen, deinen Magen zu foppen und mit Essen aufhören zu müssen, wenn der Appetit am größten ist. Nicht umsonst habe ich nachts „Hungerträume“, wie meine Mutter einen fetten Borschtsch mit Tomaten und Senf, eine Schüssel mit Fleisch, Milch und Käse, Brot hinstellt….

Es gibt Gerüchte, z.T. von den Deutschen selbst bestätigt, dass die Rote Armee siegreich vorgeht und dass Charkov und Kiev befreit sind, ganz Finnland in den Händen der Roten Armee ist und das Deutsche Oberkommando befohlen hat, sich auf die alte Reichsgrenze zurückzuziehen. Liebe Brüder, ich beglückwünsche euch von ganzem Herzen zu euren Siegen. Ich bedauere es, nicht bei euch zu sein, um gemeinsam mit euch die Zerstörung „Großdeutschlands“ und seiner unbesiegbaren Armee mitzuerleben. Liebe Landsleute wir erwarten hier auch die Befreiung im weit entfernten Norwegen und bald die Stunde der Befreiung kommt. Die Macht des Feindes wird in Minuten zerstört. Ich grüße euch herzlich und brüderlich. Wir sehen uns bald in Russland.

7. März

Heute haben wir Pause. Es war Zählappell im ganzen Lager und Kleider-Zähl-Appell. Eine dicke Decke wurde ausgegeben, eine warme West und Socken und ein Paket Tabak für drei Mann.

21. März

Wir sind jetzt für fast einen Monat auf der Insel. Der Gesundheitszustand hat sich verschlechtert, aber ich kann ich noch auf den Beinen halten. Bis jetzt war es hier nicht kalt, es gab keinen Frost.

Es ist mild aber feucht. Nasser Schnee fällt ununterbrochen, der in Regen übergeht. Der Schnee liegt bis zu einem Meter hoch. Seit dem 18. ist es warm geworden, die Sonne scheint, es regnet. Der Frühling kommt, es taut. Aber die Stimmung ist eher wie September. Heute war Feiertag, wir kriegten wieder ein Päckchen Tabak. Langsam sehen die Deutschen ihren Fehler ein. In der „Morgenröte“ haben wir gelesen, dass Krasnodar und Charkov evakuiert worden sind, wissen aber nicht wann.

1. April

Meine kleine Tochter Alja. Wie trübe und freudlos auch die Wochen in der Gefangenschaft sind, wo all unsere Gedanken nur aufs Essen gerichtet sind, vergesse ich doch nicht Euch Kinder wie die ganze Familie. Heute wirst du zwei Jahre alt. Als ich dich verlassen habe, warst du gerade mal ein paar Monate alt. Du kennst mich nicht, und ich mir kein Bild von dir machen. Ich weiß nicht, ob Gott es zulassen wird, dass wir wieder zusammenkommen. Der Gedanke macht mir Angst, dass wir uns nicht wiedersehen und besonders, dass du aufwachsen wirst, ohne deinen Vater zu kennen.

Am 28. März ist es wieder Winter geworden, heftiger Schneefall und nachts Frost. Wenn der Frühling kommt, steigt die Hoffnung aufs Überleben.

11. April

Heute ist Feiertag, wieder ein Päckchen Tabak, schon der vierte Sonntag mit Tabak. Das ist schön, dann vergisst man für ein paar Minuten die Last der Gefangenschaft.Trotzdem bleibt das Leben bitter, schmerzend und hoffnungslos. Gefangenschaft ist schlimmer als Strafvollzug, Gefängnis und Konzentrationslager.

14. April

Es gibt glaubhafte Gerüchte, dass Schweden Finnland den Krieg erklärt hat und die Feindseligkeiten schon seit vier Tagen gehen.

18. April

Wieder Gerüchte, allerdings nicht bestätigt, dass Italien von England besetzt worden ist. Viele Deutsche, die ehrlich zu den Häftlingen sind, geben es zu und fühlen den baldigen Zusammenbruch.

21. April

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich ein Verbrechen begangen. Ich bin in einen Raum gegangen, wo die Deutschen essen und habe aus zwei Taschen Butterbrote mit Leberwurst gestohlen. Der Hunger hat es mir befohlen, ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Als der Krieg begann, habe ich von den Freunden, der Familie, Kameraden Abschied genommen. Jetzt möchte ich sagen: Leb wohl Heimat. Ich habe mich so weit entfernt, ich kann nicht mehr zurück zu euch. Jetzt ist Frühling, die Natur erwacht wieder auf der russischen Erde. In den Gärten arbeiten die Leute, alles unter der warmen russischen Sonne. Kinder laufen durch die Straßen, darunter sind auch meine, die nicht wissen, dass Krieg ist. Alle haben sie Väter, die an der Front kämpfen, gefallen sind oder ihre Tage in der Gefangenschaft verbringen, Tage eines Lebens, das einmal ein glückliches war.

Auch hier ist Frühling, aber hier ändert sich das Wetter von Tag zu Tag, wie ich es vorher noch nie gesehen habe. Wenn wir arbeiten, bestehen die unmenschlichen Schufte darauf, dass wir unsere Jacken ausziehen. Hinsichtlich unseres Gesundheitszustandes ist das nichts anderes als Mord. Aber ihr Schurken, wir Kriegsgefangene werden euch zwingen zu arbeiten. Denn ihr zwingt uns hungernde Leute zu arbeiten, was nur gut genährte und gesunde Menschen tun können. Die Russen sind geduldig, aber es gibt eine Grenze.

Ostern, 25. April

Heute ist Ostern. Wir sollten


Semjon Panfilovitsch Makarov

Ich kam in Stettin aufs Schiff. Keiner wusste, wohin es gehen würde. Ungefähr im Juni 1943 kamen wir in Oslo an, dann ging es weiter nach Tromsö, wo wir 3, 4 Tage in einem Lager blieben. Danach ging es wieder auf ein sehr großes Schiff. Viele von uns wurden seekrank. So fuhren wir wieder drei, vier Tage. Unterwegs starben viele, die wir auf ein Brett legten und dann ins Wasser schoben.

Dann fuhren wir weiter in einen Fjord, ringsum Berge und Wald und eine schmale Schlucht. Wir kamen auf einem Kutter mit Baumaterial an Land, was einige Tage dauerte. Es gab keine Unterkunft für uns, wir mussten uns das Lager selber bauen. In der Nähe gab es einen kleinen Fluss und ein Dorf mit einer Straße. Wir waren 150 km vom Polarkreis entfernt. Unser Lager war mit zwei Reihen Stacheldrahtzaun umgeben; es gab acht Baracken, eine Küche, ein Gefängnis, eine Toilette. Die Häuschen standen auf Säulen und hatten kein Fundament, da der Boden nicht eben war. Das Essen wurde jetzt besser, da wir ja zum Arbeiten hergekommen waren. In der Hauptsache bekamen wir Fisch – Kabeljau. Es gab so eine Art Fischsuppe, eine plörrige Suppe und 200-300 Gramm Brot. Das Essen war furchtbar eintönig, immer dasselbe, aber es war wenigstens heiß. Wasser holten wir aus dem kleinen Fluss. Dann kamen Rohre, und es wurde eine Dusche gebaut.

Man brachte uns zur Arbeit, und wir bauten und besserten Straßen aus, schlugen Holz und transportierten es mit Flößen in die Bucht. Aber wir errichteten auch neue Befestigungsanlagen oder besserten sie aus. Da gab es auch deutsche und norwegische Kanonen, aber die meisten waren deutsche.

Mit den Norwegern, die da in der Nähe lebten, nahmen wir irgendwie Kontakt auf, und sie halfen uns auch und waren nett zu uns. Einmal bat sogar Ivan Denissov um ein Messer zum Metallschneiden, das er von ihnen bekam. Denn Ivan und ich hatten nie den Gedanken an Flucht aufgegeben. Einer konnte fliehen, und ein anderer, als wir von Oslo nach Trondheim unterwegs waren. Später haben wir diese Leute wieder getroffen, obwohl uns die Deutschen sagten, dass sie diese Leute eingefangen und erschossen hätten. Das wichtigste war für die Flucht der Besitz einer Zange.

Ivan hatte eine, die er in seine Matratze einnähte, da die Deutschen informiert worden waren, dass er vorhatte zu fliehen. Sie suchten alles ab, fanden die Zange aber nicht. Es gab ein paar Heißsporne, die fliehen wollten, es war aber ein närrischer Gedanke von ihnen. Sie wollten, dass das ganze Lager zu den schwedischen Partisanen fliehen sollte. Aber das war ein irrer Gedanke. Und einer informierte die Lagerführung davon. Alle mussten auf den Platz, und die, die fliehen wollten, sollten heraustreten, sonst würde jeder Zehnte erschossen. Vier traten vor. Der fünfte arbeitete zu der Zeit in der Küche. Sie kamen in den Karzer und bekamen praktisch nichts zu essen. Mithilfe dieses fünften kriegen sie etwas zu essen und überlebten. Als der Lagerleiter sah, dass sie noch lebten, wurden sie zu einer schweren und völlig nutzlosen Arbeit eingesetzt. Sie mussten Steine von einem Ort zum anderen schleppen, 300 m hin und zurück oder was vernünftiger war, mit einem Vorschlaghammer Steine zertrümmern und mit dem Schotter die Pfade zu den Baracken der Wachen auslegen. Sie mussten mehr und schwerer arbeiten als wir. Aber im großen und ganzen waren die Wachen anständig. Nach Stalingrad änderte sich das Verhalten der Deutschen auch, sie waren nicht mehr so schlimm wie vorher. Aber trotzdem sahen sie in uns keine Menschen. So mussten wir z.B. Baumstümpfe aus der Erde ziehen, und das ohne passendes Werkzeug. Wir sollten die feinen Wurzeln aussuchen, die wir dann in Wasser legten. Ich machte das nicht so, wie mir befohlen worden war, woraufhin der Aufseher seine Rute nahm und mich auspeitschte. Das tat zwar nicht besonders weh, war aber furchtbar erniedrigend und quälend.

Es kamen auch Vlassovci zu uns die uns agitieren sollten.

Fünf Kriegsgefangene wollten fliehen, sie hatten einen Lebensmittel-Vorrat, einen selbst gebauten Kompass und eine Karte von Norwegern, mit denen der Freund Ivan deutsch reden konnte. Es war schlechtes Wetter. Es war August am Polarkreis. Am Lager waren ein Zaun und an den Ecken Wachtürme mit Scheinwerfern. Dort saßen die Wachen und gingen zu bestimmten Zeiten am Zaun auf und ab. Die Kriegsgefangenen konnten aus den Baracken gleich hinter den Bergkuppen untertauchen. Der Berg war 320 m hoch. Sie kletterten hinauf, es wurde hell, und sie konnten das Lager überblicken. Niemand hatte etwas bemerkt. Es gab keinen Lärm. Sie liefen einige Tage, am ersten Tag in der Nacht, am Tag schliefen sie. Sie fanden Kräuter, Flechten, Moose, Beeren, Pilze. Da sie einen Kompass hatten, konnten sie die Richtung einhalten. Einmal wurden sie sogar von einem Einheimischen gesehen. Sie gingen weiter, die Berge wurden höher. Sie liefen zwei Tage. Sie sahen Rentiere und Forellen und hatten Hunger. So kamen sie zu einem Dorf von Sami, mit denen sie sich aber nicht unterhalten konnten. Ein Lappe brachte sie in ein Haus. Die Lappen lebten aber in Zelten, und in diesem Haus war „Intourist“. Hier gab es einen See, einen Stausee. Im Haus gab es ein Bett, Essen und ein Gästebuch. Man musste sich registrieren lassen, und sie taten das auch. Und da sahen sie, dass sich vorher Stepan Sitschko eingetragen hatte, einer von ihnen. Er war einen anderen Weg gegangen, zum Fjord und dann zu einer norwegischen Familie, die ihn mit dem Boot auf die andere Seite des Fjords gebracht hatte. Dort gab es einen geheimen Pfad nach Schweden, wohin sie ihn dann gebracht hatten.

Sie aßen sich endlich satt mit den entsprechenden Konsequenzen. Es gab alle mögliche Arten von Grütze und Fisch. Am nächsten Tag kam ein Polizist mit einem Kutter. In der Nähe war ein großer Stausee. Man brachte sie zum Staudamm. Damit war der norwegische Teil beendet, und sie waren beruhigt.

Zuerst lebten sie in Jokkmok im schwedischen Polargebiet, wo auch noch andere geflüchtete Kriegsgefangene waren. Ständig kamen welche. Dort begann sich auch die Botschaft um Essen und Unterkunft zu kümmern. In Schweden guter Kontakt mit der Bevölkerung.Von Jokkmok ging es nach Stockholm. Dort lebten sie in Wohnheimen, arbeiteten und konnten sich selbst versorgen. Die Schweden waren sehr freundlich. Es gab auch Propaganda und Bemerkungen, dass man diejenigen zu Hause nicht freudig erwartete, die in Kriegsgefangenschaft gewesen waren. Das war aber bei den meisten kein Grund dazubleiben. Es waren einige wenige. Aber alle wollten weiterkämpfen, es war erst 1943, und der Krieg noch nicht vorbei.

Durch Schweden wurden deutsche Soldaten transportiert, und es gab die Idee, diesen Zug entgleisten zu lassen. Die Feinde fuhren direkt vor ihrer Nase vorbei. Doch sie taten es nicht. Ab August 1943 bis Oktober 1944, als Finnland aus dem Krieg ausschied, war der Weg nach Hause frei. Da organisierten die schwedische Regierung mit der sovjetischen Botschaft die Heimreise.

Anonym

In Stettin kamen wir aufs Schiff, keiner wusste, wohin wir fahren würden, keiner erklärte uns was. In der Nacht ging es los. Ich ging nicht in den Laderaum des Schiffes, sondern blieb auf dem Oberdeck neben den Rohren und konnte mich nach allen Seiten umgucken. Aber da war nur Wasser. Doch an der Sonne merkte ich, dass es nach Norden ging. So fuhren wir 2, 3 Tage bis Oslo. Da wurden wir in Eisenbahnwaggons umgeladen und kamen bis Trondheim. Ich kam zu einem Flugplatz und musste bei der Befestigung der Start- und Landebahnen arbeiten. Da arbeitete ich 2, 3 Tage. Dann kam ein Auto und wir wieder aufs Schiff. In der Nacht ging es weiter nach Bodo. Drei Tage und Nächte fuhren wir. Es war Oktober und sehr düster. Eines Morgens kamen wir in Rognan an und wurden da auf Lager aufgeteilt.

Im Lager gab es auch Jugoslawen und sogar ihren Friedhof. Wir arbeiteten dort 2 oder 3 Monate. Ich musste auf einen Felsen klettern und die obersten Steine abschlagen, die runterzufallen drohten. Ich saß am Felsen festgebunden, um nicht runterzufallen und höhlte sitzend den Stein aus. Erst ein Loch, dann noch eins und noch eins…Dann konnte gesprengt werden, und wir wurden alle weggeschickt. Alles flog in die Luft, und dann mussten die Steine zusammengetragen und Ordnung gemacht werden. Als alles erledigt war, kamen wir ins Lager Straumen. Dort beim Tunnelbau bis zum Kriegsende. Wir hatten absolut keine Ahnung über die Lage an der Front und wurden ständig zur Arbeit getrieben. Mit den Norwegern hatten wir kaum Kontakt. Morgens kriegten wir Steckrüben und 144 Gramm Brot. Das musste für den ganzen Tag reichen. Oder es gab Borschtsch aus den grünen Strunken der Steckrüben, kleingehackt, gesalzen und dann gekocht.

Am schlimmsten war, dass die Beine aufquollen, man sah gar nicht mehr wie ein Mensch aus. Man hatte sich hölzerne Klötze um die Füße gebunden. Von den Norwegern kriegten wir keinerlei Hilfe. Wir hatten keinen Kontakt.

Es gab aber mutige Norweger, die Fisch für uns hinterließen, gesalzenen, gekochten, getrockneten Kabeljau. Aber wir wussten nicht, wer das machte. Sie legten es hin, das war’s.

Wir wurden nicht geschlagen von der Wache. Man wurde nicht freundlich angesprochen, für sie waren wir Tiere.

Und unter uns war es so, dass derjenige, der weiß, dass er morgen sterben wird, seine Portion abgibt. Was soll er noch machen?

Wir halfen uns untereinander, indem wir uns sagten, dass wir den morgigen Tag erleben und machten uns dadurch Mut. Wir gingen zur Arbeit und blieben nicht im Lager. Es gab das Wirtschaftskommando, das aus Häftlingen bestand und überprüfte, wer schon kalt war, der wurde weggebracht. Privilegien gab es nicht, Sterben für alle. Es musste auf Ordnung geachtet werden. Es gab eine Sanitätshütte, aber da gab es auch keine Hilfe. Dorthin würde ich mich nur wenden, wenn ich schon keine Kraft mehr zum Leben haben würde. Was konnten die schon tun? Wenn du überlebst, dann bis morgen. Wenn nicht, dann bringen sie dich weg.

Das Lager bestand aus zwei, drei Blocks aus hölzernen Häusern. Zwei waren so halbrund. In so einem wohnte ich. Eins war die Esshütte, dann kam ein langer Durchgang zur allgemeinen Toilette. Dort konnte man sich auch waschen. Morgens gehst du raus und wartest, bis die Waschzelle frei ist. Danach kriegst du irgendwas zu essen, und dann gehts zum Tor, und du wartest auf den Befehl zur Arbeit.

Eines Morgens standen die Tore weit offen, und keine Wache war da. In den Häusern 3 und 4, wo die Deutschen wohnten, war niemand. Das bedeutete, dass der Krieg zu Ende war. Keiner bewachte uns mehr.

Vladimir Nikolajevitsch Kalnin

Im Lager in Chelm wurden wir sortiert. Wer laufen konnte, wurde aus dem Lager rausgeholt, wer nicht wurde wieder in den Keller geschickt zum Sterben.

Dann kamen wir auf einen Zug und nach Hamburg. Da konnte ich zum ersten Mal seit einem Jahr mich waschen und wurde auf Ungeziefer untersucht, von denen wir viele hatten. Dann ging es mit dem Schiff nach Norwegen. Während der Fahrt bekamen wir gut zu essen: morgens gab es eine Grieß-Suppe, ein Stückchen Brot und einen Löffel Marmelade, abends nur Suppe.

Als wir damals ins Lager kamen, hing ein Mensch blutüberströmt im Stacheldraht und war voller Blut. Außerdem hatten sie drei Uzbeken erschossen, weil sie die Eingeweide von Toten entnommen und gegessen hatten.

Wir kamen nach Kirkenes und wurden in einem Hangar untergebracht, um den herum eiserne Tonnen standen, die als Öfen funktionierten. Tag und Nacht wurden diese Öfen von uns beheizt, auf denen wir kochten und buken und uns wärmen konnten. Wir kochten Suppe und Fisch und buken uns Fladen.

Wir durften aus dem Schiff Mehl oder Grütze für uns ausladen, und nur in Unterhosen auf dem nackten Körper schaufelten wir das Mehl, was eine schwere Arbeit war. Dann kamen wir zurück in den Hangar, schütteten den ganzen Inhalt aus, machten Wasser heiß und buken uns Fladen. Den Fisch brachten wir in norwegischen Wasserbehältern, wenn z.B. der Kabeljau den Hering überfällt und dabei beide ans Ufer springen; wir gingen oft ans Ufer, wo wir diese Fische fanden. Es gab frischen Fisch, aber auch welchen mit Würmern. Aber wir aßen alle, starben doch die meisten vor Hunger und nicht an Parasiten.

Die Norweger halfen uns so viel, wie sie konnten. So nutzten sie dazu für uns zugängliche Fisch-Schuppen. Es gab ja in Norwegen keine dicht besiedelten Orte, die Häuser waren so einen halben Kilometer voneinander entfernt und dazwischen standen auf freiem Feld diese Schuppen, die nie verschlossen waren. So konnten wir uns im Vorbeigehen den Fisch nehmen. Das wichtigste war dabei immer die Leber des Kabeljaus. So verhungerten gerade durch die Hilfe der Norweger weniger Kriegsgefangene – ein oder zwei während einiger Tage.

Wir wurden in einzelne Arbeitskommandos eingeteilt: Waldarbeiten, zum Flugplatzbau und zum Tunnelgraben. Ich wurde zum Schiffe-Entladen eingeteilt und musste immer wieder in den Schiffs neben dem Hebekran.

Eines Tages mussten wir uns aufstellen und wurden gefragt, ob unter uns einer wäre, der Holzschnitzen kann. Ich konnte es nicht, meldete mich aber trotzdem. Sie brachten mich in einen Raum, in dem ein großer hölzerner Adler stand. Einer von den Deutschen sagte mir, dass sein Offizier von mir wollte, dass ich ihm einen solchen Adler machen sollte. Was sollte ich weiter machen, als mich an die Arbeit zu machen. Werkzeuge waren genug da. Ich arbeitete ungefähr einen Monat daran, aber die Deutschen waren geduldig. Als ich fertig war, wurde ich wieder zurück auf den Hangar gebracht.

Dann suchten sie unter uns einen Zimmermann, woraufhin ich mich wieder meldete und mit sechs Mann ausgewählt wurde. Sie suchten auch noch Chauffeure und Schlosser. Wir kamen in eine Autowerkstatt, wo ich Fahrgestelle reparieren musste, Auto-Fenster und -Türen. Jeden Tag wurden wir zur Arbeit geführt.

Eines Tages kam ein deutscher Soldat mit einem Koffer zu mir und fragte mich, ob ich ihm so einen machen könnte. Das ging erst nicht so einfach, aber der Deutsche zeigte mir wie es geht. Dann machte ich noch mehr Koffer und kriegte dafür Zigaretten und Brot. So saß ich nie ohne Brot da und hatte fast nie Hunger. So blieb es bis zur Kapitulation. Danach wurden wir von Norwegern bewacht. Wir kamen alle in ein Lager in Hagarleld und wurden in einem ehemals deutschen Militärstädtchen untergebracht. So saßen wir einen ganzen Monat und wurden gut ernährt, bis wir nach Hause kamen. Das einzig schlimme war nur, dass wir in Lumpen gingen und uns nicht waschen konnten. Man konnte nur in einer Schüssel Wasser warm machen und sich mit einem feuchten Lappen abreiben.

Danach kamen wir auf einen Zug und fuhren über Schweden, Åland und Finnland und Wyborg nach Murom.

Timofej Timofejevitsch Kljuch

Fast den ganzen Krieg über, bis zum 3. August 1944, war ich im Lager auf finnischem Gebiet, unweit der Mannerheim-Linie. Als 1944 Finnland Deutschland den Krieg erklärte, wurden wir sofort auf Etappe geschickt, zu Fuß nach Norwegen. Als die Deutschen sich zurückziehen mussten, änderte sich ihre Stimmung. Für uns endete der Krieg in der Nähe von Oslo. Als wir zu Fuß nach Norwegen gingen, zogen wir die Küche mit uns, den ganzen Proviant und die deutsche Bewaffnung. In Norwegen gab es keine Eisenbahn wegen der Gebirgspässe. Die Eisenbahn mussten unsere Kriegsgefangenen bauen, die ab 1941 da waren. Die Berggipfel waren mit ewigem Schnee bedeckt, und es gab viele Tunnel. Ohne Brillen war es nicht möglich, sonst wurde man blind. Die Gipfel waren mehr als 2.000 m hoch. Und die Deutschen hatten Brillen. Unsere Kriegsgefangenen mussten dort Steine transportieren. Die Deutschen nahmen mal 100 Mann, ließen sie sich am Felsrand aufstellen und erschossen sie.

Ich war bei solchen Arbeiten nicht dabei, weil ich erst 1944 nach Norwegen kam. Erst im August 1944 brachte man uns mit dem Schiff nach Bodø. Jetzt war da schon eine neue Straße gebaut Oslo-Narvik fast vollständig von Kriegsgefangenen.

Ich wurde beim Holzfällen eingesetzt. Eine schwere Arbeit. In den ersten April-Tagen änderte sich die Verpflegung. Zu acht bekamen wir einen Laib Brot, das allerdings gut war, und einen Topf Steckrübensuppe. Bei einer solchen Verpflegung kam ich auf 28 kg runter und musste ins Lazarett. Zur Arbeit wurden wir im Konvoi geführt, aber zurück schaffe ich es nicht mehr, die Beine brachen mir weg. Im Lazarett lang ich dann ein paar Wochen.

Wir lebten in Baracken, ähnlich Erdhöhlen, zur Hälfte in der Erde, zur Hälfte oberhalb.

Wir waren 651 Mann im Lager, auch als sich die Deutschen zurückziehen mussten bis nahe bei Narvik blieben wir so viel. Auch während des Rückzugs der Deutschen arbeiteten wir weiter. (…)

Zur Arbeit gingen wir auf Waldpfaden, und unterwegs warfen die Norweger uns Kartoffeln, Brotstücken zu. Sie halfen uns damit sehr.

Aber unterwegs Pilze oder Beeren zu sammeln, war nicht möglich, erst gegen Ende des Krieges gingen wir ohne Bewachung. Die Deutschen fingen viel Fisch, was sie nicht aßen und wegwarfen sammelten wir auf.

Da ich erst 1944/45 nach Norwegen kam, war das Verhalten der Deutschen uns gegenüber besser. Nur die Verpflegung war sehr schlecht. Auch für die Deutschen. Wenn es für uns einen Laib Brot auf acht Mann gab, dann war es gegen Kriegsende für sie einen Laib für vier Mann.

Es gab Fälle, als man uns vorschlug, nicht in die SU zurückzukehren. Die Polizaj, die Kollaborateure, gingen nicht zurück.

Im letzten norwegischen Lager gab es eine Flucht. Die Fliehenden mussten eine Gebirgsschlucht überqueren, um dann nach Schweden zu kommen. Fünf von unseren Kriegsgefangenen banden einen Wachposten fest, aber als die Wachablösung begann und man den Wachmann fand, hatten die fünf die Schlucht schon hinter sich. Es wurde aber niemand von uns dafür bestraft. In unserem Lager gab es keine Werbung für die Vlassow-Armee.

In Zhitomir hatte ich von den Deutschen noch eine Lager-Nr. bekommen, die ich aber in Norwegen ins Wasser warf, als wir nach Murmansk transportiert wurden. Die Deutschen nannten uns Kriegsgefangene Hundesöhne, Banditen und schlugen uns mit Peitschen, mir wurde das Schlüsselbein gebrochen, als ich einen Schlag mit dem Gewehr bekam. Erst gegen Ende des Krieges verhielten sie sich besser.

Michail Alexejevitsch Il’tschenko

Wir – ungefähr 2.000 Mann – mussten vom Lager Stargard, wo ich am Arm eine neue Lagernummer erhielt, zu Fuß nach Stettin. Dort kamen wir auf ein Schiff, wurden durchgezählt und dann in den Laderaum verfrachtet, und in der Nacht fuhren wir los. Im Laderaum war es ganz dunkel, so dass man nichts sehen konnte. Wenn wir auf die Toilette wollten, wurden wir von den Deutschen zu zweit an Deck gebracht, wo es dafür einen Eimer gab. Wenn wir von da oben zurückkamen, erzählten wir den anderen, dass ringsum nur Wasser sei und entsprechend dem Sonnenstand wir nach Norden führen. Am Tage konnte man auf beiden Seiten statt einer Küste Berge sehen. Und das Schiff fuhr weiter. Als wir schließlich angekommen waren, fragten wir den Wachmann, ob es noch weiter ginge. Darauf er: „Wir sind jetzt in Oslo.“ Da wussten wir, dass wir in Norwegen waren. Wie üblich kamen wir in ein Durchgangslager.

Norwegen begrüßte uns mit Sturm und Regen. In diesem Lager blieben wir gut eine Woche, und dann kamen wir mit dem Zug in ein anderes Lager, ca. 30 km entfernt. Wir wurden auf Autos verladen und nach Trondheim zum Arbeiten gebracht, wo wir Eisenstangen vom Hafen zur Basis, ungefähr ein Kilometer, bringen mussten. In dem Lager trafen wir auf Kriegsgefangene aus anderen Lagern. Da traf ich einen Landsmann, der aus meinen Dorf stammte. Wir umarmten uns, ließen die Rohre fallen und unterhielten uns. Als das ein Wachmann sah, schlug er mich mit dem Gewehr in den Rücken und wollte wissen, mit wem ich mich unterhalten hätte. Er notierte sich all meine Daten: Lagernummer, Namen, Vorname, Geburtsort. Nach zwei Wochen wurden wir wieder im Schiffs verladen. Als ich auf Deck auf die Toilette ging, sah ich, dass wir in einem Fjord waren. Bald darauf wurden wir ausgeladen, und ich sah ein großes Gebäude am Hafen, an dem der Name Fauske stand. Wir wurden nach Nummern aufgerufen, in Gruppen eingeteilt und unsere Gruppe wurde über den Berg gebracht. Unterwegs sahen wir Kriegsgefangene im Steinbruch arbeiten. Am Lagertor stand das Wort „Straum“. Wir gingen ungefähr drei Stunden weiter, als wir vor uns plötzlich ein Lager am Fuße des Berges erblickten. Als wir im Lager angekommen waren, wurden wir auf den Hof geführt, das Lagertor wurde geschlossen, und jedem von uns wurde auf die Brust irgendein Pulver gestreut. Dann ging es in die aus Brettern errichteten Baracken mit Decken aus gepresstem Karton. Drinnen gab es zweireihige Pritschen. Wir zwölf Mann nahmen gleich die obersten Pritschen. Nahe am Eingang stand ein aus einer Tonne gefertigtes Öfchen und daneben lag ein Haufen Holz. Dann kamen ein Dolmetscher und der Leiter der Lagerpolizei, ein Moskauer, und befahl uns, einen Barackenältesten zu bestimmen.

Wir wurden zur Arbeit in den Berg geführt und brachten dann meterweise Baumstämme ins Lager der Wachleute und der Deutschen. Unterwegs erfuhren wir, dass das Lager Megarden hieß. Die Kriegsgefangenen arbeiteten hauptsächlich in der Holzbearbeitung, im Hafen und beim Tunnelbau.

Einmal ging ich nach der Arbeit in die Sanitätsbaracke und zeigte dem russischen Arzt meinen Fuß, der an der Stelle, wo ich eine Operation gehabt hatte, angeschwollen war. Als am nächsten Tag meine Nummer aufgerufen wurde, musste ich dem deutschen Arzt meinen Fuß zeigen. Das Ergebnis davon war, dass ich aus dem Holzkommando genommen und zu Hofarbeiten eingeteilt wurde. Wir spalteten und sägten Holz und brachten es zu den Öfen.

Mitte Dezember gingen wir raus zum Holzsägen. Es schneite heftig bei -10/15 Grad. Da sagte Voronin, mit dem ich zusammen arbeitete, flüsternd: „Neben der Wache da drüben steht Vaska.“ Ich verstand erst nicht, was er damit sagen wollte, als plötzlich die Sirene ertönte, alle in die Baracke getrieben wurden und auf den Wachtürmen Deutsche mit Maschinenpistolen auftauchten. Gegen 13.00 Uhr mussten wir uns auf dem Lagerplatz aufstellen, umringt von der deutschen Wache. Der Dolmetscher befahl allen, sich in zwei Meter Entfernung voneinander aufzustellen und sich bis zum Gürtel auszuziehen. Wir zogen uns aus, und drei Deutsche gingen um uns herum und guckten sich jeden genau an. Dann zogen sie vier Mann aus der Reihe, führten sie neben das Wachgebäude, während wir uns wieder anzogen. Bei der Zählung am Abend sagte der Kommandant, dass die vier sich strafbar gemacht hätten. Man hätte sie ins Lazarett nach Bodø gebracht. Wir verstanden das ganze überhaupt nicht. Einige Tage danach wurde einer der Deutschen mit Kreuz und Medaille ausgezeichnet, mit denen er herumlief. Einer der Wachleute sagte, dass er die Auszeichnung für die Hinrichtung der vier Kriegsgefangenen erhalten hätte.

Es kam der April 1945. Wir hatten uns an das Leben im Lager gewöhnt und vertrauten einander immer mehr. In der sechsten Baracke lebten sovjetische Beamte: ein Staatsanwalt, ein Richter und andere höher gestellte Leute. Eines Tages erwähnte der Dolmetscher, dass der Polizist Boris, der früher in unserem Lager gearbeitet hatte, der Wache gesagt hätte, dass er von einigen wüsste, die einen unterirdischen Gang graben und eine Flucht nach Schweden vorbereiten würden und dass er diese Leute entlarven würde. Am Abend lud einer der Häftlinge, der Boris gut kannte, ihn in die Baracke ein. Der kam, wurde jedoch nicht mehr lebend gesehen. In der Baracke gab es eine Gerichtsverhandlung gemäß den Gesetzen der SU. Es gab einen Staatsanwalt und einen Verteidiger. Als Verräter der Heimat wurde Boris zum Tode durch Erhängen verurteilt und das Urteil in der Nacht vollstreckt. Man brachte ihn in die Toilette und hängte ihn dort auf. Als wir am nächsten Morgen auf dem Lagerplatz standen, suchten ihn die Deutschen und fanden ihn erhängt in der Toilette. Gegen Mittag wurden wir wieder in die Baracke geführt, ohne Frühstück und Mittagessen, nur Abendbrot gab es, allerdings die normale Ration Brot. Nach diesem Vorfall gingen wir wieder wie üblich zur Arbeit. Die Kriegsgefangenen, die beim Tunnelbau arbeiteten, kriegten mit, dass sie eine Öffnung am Tunneleingang bohren sollten. Einer der Norweger, der irgendwie als Vorarbeiter dort arbeitete, sagte ihnen, dass die russischen Kriegsgefangenen in den Tunnel hineingetrieben werden sollten und dann der Tunneleingang gesprengt werden sollte, um sie dort sterben zu lassen. Diese Information verbreitete sich wie im Fluge im ganzen Lager. Die einen glaubten sie, die anderen nicht. Bei der Zählung am nächsten Morgen erklärte der Kommandant, dass für das Lager ein Angriff der englischen und amerikanischen Luftwaffe zu erwarten sei und es daher nötig sei, eine Übung durchzuführen und alle sich im Tunnel verstecken sollten. Es ertönte das Signal und der Befehl „Kolonne Marsch in den Tunnel!“ Doch kein einziger Kriegsgefangener rührte sich vom Fleck. Der Kommandant fing an zu brüllen, rief zehn Wachmänner herbei, die begannen, auf uns einzuprügeln und in den Tunnel zu treiben. Da ging der Leiter der Lagerpolizei, Oberleutnant Vassilij Petlin, zum Dolmetscher und sagte ihm, dass das ganze Lager wisse, dass man sie im Tunnel einmauern wolle. Denn sie hätten gesehen, dass ein Bohrloch am Eingang in den Tunnel getrieben worden sei. Der Dolmetscher berichtete alles dem Kommandanten, der daraufhin den Soldaten befahl, mit der Prügelei aufzuhören.

Dann konnten wir über den Fjord hinweg sehen, wie die Norweger auf ihren Häusern ihre Nationalfahne hissten. Wir mussten wieder in die Baracken, bekamen Frühstück, Mittagessen und fragten uns die ganze Zeit, warum die Norweger ihre Fahne hissten.

Leonid Andreevitsch Jolkin

Ich kam mit dem Schiff nach Norwegen, zuerst nach Trondheim. Das Lager lag in einer Grube im Gebirge. Einmal gab es einen Kriegsgefangenen, der Akkordeon und einen, der Geige spielte. Die Norweger drumherum schauten zu. Das Lager war in der Nähe der Eisenbahn. Es wurde das „asiatische“ genannt, weil da viele aus den asiatischen Sovjet-Republiken waren. Es war ein kleines Lager mit nur ca. 150 Kriegsgefangenen. Dorthin kam ich 1942. Da ich bei der Ankunft im Lager sehr hungrig war, aß ich viel von der Suppe mit Kabeljau, die sehr salzig war. Ich war so durstig danach, dass ich fast gestorben wäre.

Unsere Arbeit war das Entladen der Schiffe mit unterschiedlichen Ladungen. Wenn wir Zucker oder andere Sachen entluden, steckten wir manchmal etwas davon in unsere Taschen. Hin und wieder erlaubten die Deutschen uns, Zucker oder verstreutes Getreide zu nehmen. Dadurch waren wir nicht so hungrig wie andere Kriegsgefangene.

Wir mussten auch nicht weit vom Lager entfernt Tunnel graben.

Nach Trondheim kamen wir nach Narvik und dann mit dem Schiff für ein halbes Jahr in ein anderes kleines Lager, wo wir auch Schiffe entluden. Eines Tages stahl jemand etwas Butter. Als der Koch uns aufforderte, die Butter zurückzugeben und sich niemand meldete, wurde ich mit acht anderen in die Strafzelle geschickt, ohne Essen zu bekommen. Morgens mussten wir aber wie üblich zur Arbeit und danach wieder zurück in die Zelle.

Als wir einmal etwas Mehlähnliches entluden, was aber Käse war, mixten wir das mit Wasser und aßen es. Wir aßen alles, was nur irgendwie essbar war, denn in der Strafzelle kriegten wir nichts zu essen. Ich war vielleicht eine Woche dort.

In der Baracke waren wir zu 40 Mann, und im Lager waren es an die 300. Die Baracken waren in einzelne Räume aufgeteilt, jeder hatte einen eisernen Ofen. Die Baracken waren aus Holz, wo man die Decke ein bisschen anheben konnte, um dort Essen oder andere Sachen zu verstecken. Denn die Wachen kamen oft, um unsere Sachen zu inspizieren.

Wir aßen Kabeljau oder was wir von den Schiffen bringen konnten.

Einige von uns wurden umgebracht, weil sie mit Lebensmittel handelten, einer dafür, dass er einem Wachmann Widerstand geleistet hatte.

Jeder Tag war wie der andere.

Vladimir Chaustov

In Warschau wurden wir 1942 auf ein großes Schiff verladen und nach Norwegen verschifft. Wir waren 1.000 Kriegsgefangene auf dem Schiff. Die Verpflegung war schlecht, und viele starben unterwegs. Aus dem Müll, der über Bord geworfen wurde, fischten wir uns Essbares raus.

In Oslo angekommen wurden wir umgeladen und nach Engeløya, einer kleinen steinernen Insel, gebracht. Ein Teil der Insel war ein Kriegsgefangenenlager mit Stacheldrahtzaun. Auf dem anderen Teil der Insel lebten die Einheimischen.

Während des Krieges stand auf der Insel eine große Kanone an der Küste, ein Geschoss wog eine Tonne. Sie sollte den Ausgang der Nordsee bewachen, wie ganz Skandinavien für Deutschland von extremer Bedeutung war.

Wir waren 3.000 Mann auf der Insel. Um 5.00 Uhr war Aufstehen, Appell, Suppenausgabe. Um 8.00 Uhr gingen wir zur Arbeit im Steinbruch, im Hafen und beim Straßenbau. 10-12 Stunden am Tag. Sonntags war frei. Zweimal im Monat konnten wir uns waschen. (…)

Gegen Kriegsende waren von den 3.000 Kriegsgefangenen noch 424 übrig. Die Einheimischen fühlten mit uns und gaben uns zu essen.

Am 7. Mai mussten wir uns alle aufstellen. Der Lagerkommandant sagte, dass der Krieg vorbei und der Sieg unser sei. Wir bekamen Lebensmittel. Dann wurde eine Liste gemacht: wer man war, woher man kam, den Namen. Bis dahin hatten wir nur ein Schild mit der Nummer.

Unter uns waren Kriegsgefangene, ehemalige sovjetische Soldaten, die im Lager zu Polizisten-Schlägern geworden waren.

Ivan Denyssov

Im Sommer 1943 war ich in Norwegen im Kriegsgefangenenlager Tömmerneset, als zwei Angehörige der ROA zur Anwerbung von Freiwilligen ins Lager kamen.

Im September kam ich mit vier Kameraden nach gelungener Flucht in Schweden an. (…)

Als sie mit dem Schiff nach Norwegen gebracht wurden, sprach er oft mit den Deutschen. Zuerst kamen sie in irgendeine Stadt, dann nach Narvik. Als er das merkte, sagte er sich, dass Skandinavien mit seinen Bergen sich besser für eine Flucht eignen würde als Polen, wo nach jedem Meter ein Weiler stehen und wo man leichter eingefangen würde. Schon auf dem Schiff organisierte er mit anderen eine Art Zirkel und sammelte eine Gruppe von fünf Leuten zusammen, um mit ihnen später zu fliehen. Zuerst kamen sie nach Oslo, dann nach Trondheim, von da auf einen Lastkahn. Das war jenes Schiff, das ein halbes Jahr später, als deutsche Waffen nach Murmansk geschafft wurden, von der britischen Luftwaffe versenkt wurde. Dann ging es nach Tömmerneset, ungefähr 100-150 km nördlich des Polarkreises. Sie fuhren bis zu einer großen Bucht, wo ein Arbeitslager gebaut wurde. Später erfuhr Ivan, dass seine Gruppe eine Spezialgruppe war und direkt der SS unterstellt war. Als begonnen wurde, sie auszuladen, war schon der Entschluss zur Flucht gefasst. Ivan konnte sich eine Kompassnadel sichern. Da die Kriegsgefangenen sich ihre Kleidung selber flicken mussten, war das nichts besonderes, dass sie sich Nadeln an ihren Kragen steckten, sogar wenn die deutschen Wachen sie bei ihnen entdecken würden.

Die Deutschen hatten junge Norweger zur Entladung der Schiffe herangezogen, so dass es zu ersten Kontakten der Kriegsgefangenen mit den Einheimischen kam. So prüfte Ivan beim Entladen, wie sich die Norweger ihm gegenüber verhielten. Sie waren mitfühlend und ihnen wohlgesinnt. Es gab keine Beleidigungen und keine Feindschaft. Einmal konnte er einen Norweger neben ihm fragen, ob es weit nach Schweden sei. Der winkte nur mit der Hand und sagte: „Da drüben.“ Ivan konnte deutlich sehen, dass von der Bucht, wo das Lager lag, eine stark gewundene Straße zu einer Anhöhe führte. Sie überlegten, wie man zu diesem Berg kommen könnte und gingen zehn Minuten später zu dem Norweger und sagten: „Wir wollen fliehen, haben dafür aber nichts.“ Sie antworteten: „Verstanden.“

Als sie am nächsten Tag zur Arbeit gingen, brachten die Norweger Kneifzangen und ein paar Messer mit. Dabei konnten die Norweger nicht ausschließen, dass die Russen die Deutschen auf der Flucht töten konnten, was ihre negative Einstellung zu den Besatzern verriet. Obwohl die Bewacher bemerkten, dass Ivan um die Norweger herumlief, gelang es ihm, die Werkzeuge ins Lager zu bringen. Aber am nächsten Morgen ließen sie Ivan nicht hinaus, es war klar, dass sie Verdacht schöpften. Ivan hatte mit den Norwegern nur am ersten und zweiten Tag Kontakt gehabt, als sie schon alles bekommen hatten.

Die Stimmung im Lager war so, dass viele sich zur Flucht vorbereiteten. Die Messer wurden den Kriegsgefangenen übergeben, Ivan behielt nur die Kneifzangen. Ivan hatte sie so in die Matratze eingenäht, dass sie nicht klirrten, als der Wachmann die Matratze zur Überprüfung schüttelte. Die Norweger brachten auch noch eine gute Karte der Gegend, auf der auch das kleinste topografische Objekt eingezeichnet war, alles bis zur Grenze mit Schweden und sogar ein Stückchen Schwedens. Die Karte war sehr genau, und sie hatten einen Kompass. Sie wollten zu fünft fliehen. Es war der 1. Juni 1943.

Zu dieser Zeit sind in Norwegen die Nächte kurz und die hellen Tage lang. Sie planten die Flucht gerade zu dieser hellen Zeit, wenn es warm ist. Zu dieser Zeit wurde ihre Gruppe nördlich von Narvik verlegt.

Bei der Vorbereitung zur Flucht war ihnen klar, dass das Lager von zwei Reihen Stacheldrahtzahn umgeben war. Deshalb machten sie Bretter, die man umdrehen und über die man kriechen konnte. Dazu hatten sie noch die Werkzeuge von den Norwegern.

Alles war fertig, aber irgendjemand hatte verraten, dass eine Massenflucht vorbereitet würde. Viele wollten fliehen, aber im Grunde waren es nur die Fünf, die das schon vor ihrer Ankunft in Oslo beschlossen hatten. Ein Zwinkern und man ging auf die Toilette. Auf dem „Donnerbalken“ wurde alles besprochen, und dann gingen alle auseinander. Einer von ihnen war Semjon Makarov. [siehe dort]

Aleksandr Iosifovitsch Lifant’ev

Dann brachte man uns mit Autos weg, wir fuhren 15-18 Stunden und jagte uns in ein Lager, da wussten wir, dass wir in Norwegen waren an der Küste der Barent-See, irgendwo 100 km von Murmansk entfernt.

Wir waren zehn Mann und wurden zur Arbeit gejagt. An Müllhalden vorbei fragten wir die Wache, ob wir uns was davon nehmen könnten. So sammelten wir Kabeljau-Köpfe und kochten sie abends ohne Salz und aßen sie ohne Brot dazu.

Wir arbeiteten im Steinbruch, dann kamen wir nach einer Woche in ein anderes Lager wieder an der Barent-See in einem Hafen. Dort mussten wir Eisenbahnschwellen abhobeln. Es hieß, dass eine Brücke gebaut werden sollte. Das war im April 1944.

Eines Nachts im Mai kamen unsere Flugzeuge, um den Hafen zu bombardieren. Über unserem Lager entbrannte ein Kampf. Ich lief aus der Baracke, fand eine Grube und sah zu. Die Baracke war eine gute Zielscheibe. Woher sollten sie wissen, dass hier Kriegsgefangene waren. Da wurde vom Wachturm aus geschossen, woraufhin die Unsrigen die entsprechende Antwort auf den Wachturm und unsere Baracke abgab. Auf den obersten Pritschen, neben meinem Platz gab es zwei Tote und einige Verwundete. Am nächsten Tag hieß es bei uns, dass sie unseren „Habicht“ abgeschossen hätten und den Piloten suchten. Ein Dampfer war zerbombt worden, nur der Mast ragte am Hafen aus dem Wasser.

Bei der Holzarbeit war ich irgendwo einen Monat lang. Es wurde Herbst. Unsere Truppen kamen vorwärts, und wir wurden an einen anderen Ort gebracht. Schnee, Schneegestöber, nördliche Kälte. Wir gingen unter den Bergkuppen weiter. An den Füßen trugen wir Holzpantinen ohne Fersenschutz. Wir liefen 30 km, dann Nachtlager. Wir rissen trockenes Gras aus, schaufelten den Schnee weg und legten uns hin. Drei ganz eng aneinander. Ich hatte einen Lappen bei mir. Als wir uns zum Schlafen gelegt hatten, hatten wir gesehen, dass es viele Preiselbeeren gab. Wir sammelten sie und verputzten sie. Auf einem hochrädrigen Karren schleppten wir unsere Küche mit. Das war die Küche für die Wache. Wir aber kriegten nur eine Portion Schwarzbrot für ein paar Tage. Ein Kriegsgefangener legte seinen Beutel in die Küche. Der Küchen-Koch, ein Russe, warf den Beutel hinaus, der Kriegsgefangene machte nochmal dasselbe. Der Koch meldete das der Wache, und die erschoss ihn aus nächster Nähe.

Wir wurden weiter getrieben zu einem Punkt, 20 km entfernt. Von Narvik waren es 30-40 km bis zur schwedischen Grenze. Wir erhielten einen Keil, Hacke, Hammer und eine Karbidlampe und mussten einen Tunnel in einen großen Felsen treiben. Eines Tages zerbrach der Griff des Hacke, und der Deutsche brüllte „Sabotage“ und schlug mich mit dem Gewehrkolben. Wir trieben einen Stollen von 20-30 m Breite in den Felsen. Dann kamen wir an einen anderen Ort und bohrten da weiter. Fast jeden Tag war starker Wind, und der Schnee verwehte unseren Stacheldrahtzaun, so dass man leicht drüber weg konnte. Am 23. Februar ging ein Kriegsgefangener über den Zaun in Richtung schwedische Grenze, das waren nur 8-10 km. Die Deutschen stellten das Lager auf den Kopf, aber er war weg.

In diesem Lager gab es Agitation von ROA-Leuten. Es wurden Plakate aufgehängt, auf einem war mit roter Farbe ein Grab gemalt „Die dritte Internationale ins Grab“. Wer in die ROA eintrete, würde eine Soldatenration erhalten. Ich war zu dieser Zeit aufgedunsen, hatte dicke Beine. Aber ich dachte, meine sechs Brüder verteidigen die Heimat, und ich verrate sie für ein Stückchen Brot. Eines Nachts mussten wir uns in der Reihe aufstellen und es wurde gesagt: „Tretet in die Reihen der ROA ein. Mit den Eurigen ist es zu Ende.“ Aber niemand trat vor.

Es war im Dezember 1944, als wir in Norwegen zu einem Friedhof mussten zum Gräber ausheben. Es war eine schwere Arbeit, es war alles nur ein einziger Stein. Wir hoben einige Gruben aus. In der Nähe gab es eine Kapelle, und dort gruben wir getötete Deutsche aus, die im Krieg gegen Norwegen gekämpft hatten. Wir graben. Da findet der Fritz in den Handschuhen des Toten ein Medaillon und schreibt seine Angaben auf. Die Leichen sind wie Seife, der Körper ist schon auseinandergefallen. Wir betten ihn in die neue, von uns gegrabene Grube um.

Irgendwann kam ein Deutscher im Lager auf mich zu, nahm mich mit und drückte mir einen feuchten Lappen ins Gesicht. Ich verlor das Bewusstsein, und merkte einige Zeit später, dass mir die Hand weh tat und ich eine blutunterlaufene Stelle entdeckte. Sie hatten mir Blut abgenommen.

Am 10. Mai 1945 wollten wir zur Arbeit gehen. Es kümmerte sich niemand um uns, als einer von uns schrie “Der Krieg ist aus.“ Am nächsten Tag kamen ein Russe, ein Deutscher, ein Engländer und ein Norweger in die Baracke. Dann ging die deutsche Wache, und wir waren frei. Narvik war 20 km entfernt. In der Nähe unseres Lagers war eine eingleisige Bahnstrecke in drei bis vier km Entfernung vom Stacheldraht. Diese Strecke ging nach Schweden. Bis zur Grenze waren es 8-10 km. Während unseres Aufenthalts in diesem Lager wurde diese Linie nicht genutzt.

Als die Deutschen weg waren, patroullierten Norweger. Wir hatten ein Radio und feierten. Wir hatten ein Fläschchen mit Rotwein und eine kleine Flasche Fischfett. Einige von uns nahmen Rache an den Polizaj.

Dann kamen wir in ein neues Lager weiter weg in den Bergen. Dort erfuhren wir, dass ein-zwei km von uns entfernt russische Kriegsgefangene ermordet worden waren. Fünf von uns gingen los, um das Lager zu suchen und fanden das Lager. Alles war verbrannt, Kohle, Ruß. Alles sauber und weggeweht. Wir fanden die Stelle, wo sie vergraben worden waren. Eine frische große Grube war ausgehoben. Unter uns gab es Gespräche, dass sie uns zu dem Lager gebracht hatten, um dort mit uns Schluss zu machen. Aber irgendetwas störte sie dabei.

Nahe bei unserem Lager stand ein großer Flüssigkeitsbehälter, nicht weit entfernt ein See. Wir holten Wasser für den Behälter, erwärmten es und konnten uns alle in ein und demselben Wasser waschen.

Hier blieben wir kurz, nachdem alle kleineren Lager nach Narvik in ein großes gebracht worden waren. Am Eingang hing ein großes, frisch gemaltes Porträt von Stalin. Wir kriegten Bekleidung in englischer Tarnfarbe.

Bald darauf begann man, uns zu repatriieren. Ich kam in die dritte Gruppe.

Wir fuhren zu unserer Grenze und bleiben stehen. Da kommt eine Grenzwache auf mich zu und sieht eine Medaille „Für Kampfeinsatz“ auf meiner Brust und schreibt die Zahl der Medaillen auf. Ich habe sie wie mein Augenlicht gehütet. Bei einer Überprüfung sagten die Fritze immer, wenn sie eine Medaille sahen „Puch-puch“. Dabei zeigt er auf die Medaille. Wir fuhren durch Leningrad und dann zum Bahnhof Suslonger [in der Republik Mari]. Und dort kam die Filtration. Es kam ein KGB-Bevollmächtigter, der erklärte, dass man drei-vier Zeugen für Befragungen wie vor einem Gericht beibringen müsste. Für falsche Аngaben gäbe es eine Bestrafung. Ich hatte vier Zeugen, von denen mich zwei seit Anfang der Kriegsgefangenschaft kannten und zwei seit der Hälfte. Mein Gewicht lag bei 38 kg, und das erst, als die Norweger uns verpflegten. Bald kam der Befehl über die Demobilisierung, und mein Jahrgang konnte nach Hause. Ich bekam einen Militär-Fahrschein in alle vier Himmelsrichtungen. Es war schon Dezember mit frostigen Tagen.

Als die Filtration vorüber war schrieb ich den einen Brief, den sie dem Bruder übergaben, der bei den Fliegern gewesen war. Von ihm bekam ich meinen ersten Brief. „Aleksandr, du lebst. Ich wusste, du wirst am Leben bleiben.“

Viktor Dumnov

Vom Kriegsgefangenenlager Hammerstein in Pommern ging es erst nach Stettin. Dann kamen wir auf ein Schiff, niemand wusste wohn es gehen sollte. Wir kamen in den Laderaun, an Bord waren Flak-Geschütze aufgestellt. Vielen von uns wurde während der Fahrt schlecht. An den Luken standen Soldaten mit MP’s. In Trondheim gingen wir vom Schiff und kamen mit der Bahn nach Mo i Rana und weiter ging’s nördlich des Polarkreises, wo wir beim Bau der Eisenbahnstrecke Mo nach Narvik arbeiteten. Sie trieben uns in die Berge ins Lager Björn-Elva. Dort standen finnische Baracken aus doppelten Sperrholzplatten, sie hatten durchgängige zweistöckige Pritschen auf beiden Seiten und in der Mitte stand ein Ofen. Zum Heizen benutzten wir Koks, als Licht hatten wir eine „Karbid-Lampe“ – eine Dose mit einem Loch stand auf einer zweiten, mit flüssigem Karbid gefüllten Dose. Entlang des Stacheldrahts waren auch Karbidlampen. Die körperliche Arbeit dort war sehr schwer, die Verpflegung war schlecht, es gab wenig Brot, und bei der Suppe aus Seehund- oder Walrossfleisch bekam jeder nur wenige Stücke Fleisch ab. Außerdem getrockneter Kabeljau, den die Norweger zum Heizen verwendeten, da es dort keine Wälder gab. Allerdings habe ich dort keine Einheimischen gesehen. Im Sommer ging die Sonne nicht unter, im Osten sah man auf den Bergen den Schnee glänzen. Die Toten wurden neben dem Lager begraben, vielleicht sind ihre Registriermarken erhalten geblieben? Im Lager gab es einen Arzt und einen Sanitäter, beide Gefangene, sie hatten aber keine Medikamente (nur Rivanol). Zum Arbeitseinsatz kamen zwei Baltendeutsche aus Litauen, einzeln oder zu zweit. Sie sprachen Russisch, wurden Sonderführer genannt. Einer von ihnen, er war etwa 50 Jahre alt, war sehr gefährlich. Er war klein, trug ein Gebiss (beim Sprechen knirschte er mit dem Kiefer) und hatte eine große Pistolentasche am Gürtel. Einmal trat er zu mir, zeigte mit dem Finger auf mich und fragte: Polit-Kommissar? Ich sagte: „Wie kann das sein, Polit-Kommissar? Ich bin schon das vierte Jahr in der Gefangenschaft und bin erst 23 Jahre alt!“ Er befragte mich, wo ich in Gefangenschaft gewesen war, in welchen Lagern, dann ließ er von mir ab, Gott sei Dank! Es hieß, er habe den Koch Krasnow erschossen: Er hatte ihn mitgenommen, damit er ihm beim Vergraben eines Toten half, und als sie das Grab ausgehoben und den Toten hineingelegt hatten, erschoss er Krasnow, kehrte mit der Bahre allein zurück. Dann verschwand unser Arzt. Einmal, es war im Winter, kam der Lagerleiter Hauptmann ins Lager, bevor wir zur Arbeit losgingen. Ein Gefangener, ein magerer, großer Mann, sagte, er sei sehr krank und könne nicht arbeiten. Der Hauptmann schimpfte etwas wie Russische Schweine und warf dem Gefangenen seine Zigarettenkippe vor die Füße. Als dieser die Kippe aufhob, hieß er ihn vortreten und befahl dem Wachsoldaten: „Abknallen!“ (was das bedeutet, weiß ich nicht). Der Soldat nahm seinen Karabiner von der Schulter, aber dann zögerte er. Aber als der Hauptmann ihn anbrüllte, drückte er ab, allerdings hatte er Tränen in den Augen. Ich stand ganz in der Nähe und konnte es gut erkennen. Petrow, der Gefangene, fiel in den Schnee, aus seiner Brust floss Blut in den Schnee…

Zu dieser Zeit spürte ich, dass meine Kräfte sehr nachließen, ich war sehr abgemagert und spürte mein Ende nahen, mit 23 Jahren, obwohl ich von Natur aus kräftig war und vor der Gefangenschaft nie krank gewesen war.

Im März 1945 marschierten deutsche Truppen in großen Mengen an unserem Lager vorbei, sie kamen vor allem von Norden, und wir hatten den Eindruck, dass die Soldaten sehr verärgert waren…! Außer den Wachsoldaten auf den Wachtürmen kamen jetzt auch andere Soldaten ins Lager und machten irgendetwas. Mir kam es so vor, als würden sie an zwei Stellen Maschinengewehre aufstellen. Wozu? Auch in Björn-Elva begann irgendeine Umstrukturierung. Ein Transport Gesunder traf ein. Es hieß, unter ihnen wären nicht nur Gefangene, sondern auch Verbrecher aus der Ukraine. Dafür wurde die Hälfte der Gefangenen ins weiter südlich gelegene Arbeitslager Lilleström gebracht. So kam ich wieder in ein gutes Arbeitslager, in dem die Gefangenen in warmen Holzbaracken wohnten. Das Lagerleben war ganz anders organisiert, sowohl vor als auch nach der Arbeit. Wir wurden hier wie Menschen behandelt und nicht wie willenloses Vieh.

Warum gab es dort so viele Flöhe? Die erste Zeit konnte ich nicht schlafen, weil es so juckte, aber dann gewöhnte ich mich daran wie alle anderen auch. Ich war glücklich: Ich würde das Ende des Krieges erleben.

An den Abenden sangen wir Lieder, alte und neue Lagerlieder. Ich erinnere mich an ein Lied zur Melodie von „Das weite Meer“: „Mein lieber Kamerad, komm her zu mir, bedecke meine Schultern mit Stroh, ich spüre: bald muss ich sterben, einen qualvollen Hungertod… Selbst habe ich keine Kraft, zu dir zu gehen und mein Leid mit dir zu teilen: du stirbst heute, ich sterbe morgen, wie sollen wir uns voneinander verabschieden? Hörst du das Krächzen der Raben, hör doch, wie die Wölfe heulen. All die Raubtiere der polnischen Wälder halten ein Festmahl am russischen Grab…“ Oder: „… wie ein Kaninchen bin ich in den Schlund des Krieges gesprungen, jetzt habe ich zwei Tapferkeitsmedaillen … und drei Granatsplitter im Rücken…“ und das Gesicht voller Narben!

Anfang Mai 1945 wurden die Wachen aus dem Lager abgezogen, und wir wurden von den Engländern befreit. Die Eisenbahnlinie war nicht fertig gebaut worden.

Fjodor Ivanovitsch Gomma

In Baranovtischi blieben sie etwa einen Monat, dann kamen sie mit dem Güterzug nach Brest, dann zu Fuß weiter, wer nicht mehr gehen konnte, wurde erschossen. So kamen sie in ein Lager bei Belaja Podlaska auf offenem Feld mit Stacheldraht umgeben. Viele hielten das auf engstem Raum unter freiem Himmel nicht aus und starben. Gomma hatte Durchfall, er dachte, das wäre sein Ende. „Bring mich ins Lazarett“, bat er. „Siehst Du dort den Leichenstapel? Da wirst Du hingehen. Trockne ein bisschen Zwieback auf dem Feuer und iss. Das kann dich kräftigen.“

Auf dem Feld gab es viele Feldmäuse-Löcher. Sie gruben sie aus, mit Spaten oder Löffel, um sich hineinzulegen. Das gab noch einen gewissen Schutz bis der Frost kam. Einmal gab es einen Fluchtversuch, aber niemandem gelang die Flucht. Die Rache ließ nicht lange auf sich warten.

Eines Tages gingen sie zur Arbeit auf dem Flugplatz. Unter ihnen waren einige Piloten, denen es gelang, ein deutsches Flugzeug zu kapern.

Dann wurden sie in einen Zug verladen und kamen in eine Festung in Dembin, die in Zellen aufgeteilt war, keine Fenster und Türen, mit Betonfußböden. Eng umschlungen legten sie ich zur Nacht hin, am nächsten Morgen war manch einer leblos. In der Festung waren 75tausend Mann, wovon gegen das Frühjahr noch 12.000 da waren.

(…) In Stettin kamen sie auf das Schiff „Ulanga“, auf dem Autos und auch Kühe geladen waren. Auf der Jagd nach Essen verachteten sie auch Viehfutter wie Steckrüben nicht.

Als sie in Oslo ankamen, ging es gleich ins Lager. Und sofort gab es eine unvorhersehbare Durchsuchung nach Dieben. Aber es gab keine Beweise.

Bald war Fjodor unter 1,5 Tausend Kriegsgefangene im Lager Beisfjord, 15 km von Narvik entfernt. Da gab es noch 700 Serben, die von den Deutschen verbrannt und auf dem Lagergelände begraben worden waren.

Ich kam 1943 im Lager an. Wir wurden in Baracken zu 30 oder 50 Mann untergebracht, schliefen auf Stroh-Matratzen und mussten uns in Trögen waschen. Wir bauten Garagen in Ankenes, den Boden und das Dach. Dabei konnten wir den Fjord und die Straße sehen. Die Deutschen lebten ganz in der Nähe unserer Baracken.

Wir transportierten große, schwere Behälter zum Lager. Dabei wurden wir ständig von den Deutschen mit Knüppeln geschlagen. Die Suppe bekamen wir aus der deutschen Küche. Obwohl es den Norwegern verboten war, mit uns zu reden, halfen sie uns u.a. mit Essen, wenn wir zusammen mit ihnen arbeiteten.

Israel Levitan, ein Kriegsgefangener, erzählt, dass sie keine Winterkleidung hatten, sondern nur die Sommerkleidung, mit der sie gefangengenommen worden waren. So angezogen mussten sie im Steinbruch arbeiten.

Bejsfjord wurde im Herbst 1944 das Hauptlager für das Stalag 330, für den nördlichen Teil von Nordland und Troms. Wegen der vielen kranken Kriegsgefangenen war die Todesrate in Beisford-Lager sehr hoch. Die Toten wurden am Rande des Lagers beerdigt und die Gräber mit der Kriegsgefangenen-Nummer markiert.

Das Verhalten der Norweger gegenüber den Russen war freundlich. Gegenüber einigen, die mit den ersten Schüben ins Lager gekommen waren, halfen sie bei der Flucht nach Schweden. Nicht weit vom Lager entfernt gab es eine Bucht und einen kleinen Fluss mit einem Wasserfall. Die Kriegsgefangenen legten eine Stelle unter der Baracke an und brachten den Boden mit Schubkarren weg. Das Wetter war angenehm warm, und die Sonne schien ein wenig. Die Wachsoldaten wärmten sich bei der Radiostation, als plötzlich alle zusammengetrieben wurden und ins Haus mussten. Dann rannten sie zurück und diskutierten lebhaft. Da kam ein Pole auf die Kriegsgefangene zugerannt und schrie: „Jungs hört auf zu arbeiten, der Krieg ist zu Ende.“

Aus der Zeitung „Vremja“, 13. April 2005

Lubas

Ich war kein Kriegsgefangener. Sie nahmen mich in der Ukraine mit im Alter von 15 Jahren. Ich war drei Monate in Stettin, dann brachten sie uns auf irgendeine Insel, von da mit dem Schiff nach Norwegen. Wir wussten nicht, wohin sie uns brachten. Das war 1943. Da gab es einen Polen, der uns sagte, dass wir nach Norwegen kämen und dort im Fischfang arbeiten würden. Man brachte uns über Belgien, Holland, Dänemark nach Narvik in Norwegen. Dort wurde ein Teil von uns ausgeladen, ein Teil fuhr weiter nach Oslo. Nach drei Tagen kamen wir in Oslo an, danach ging es weiter nach Bergen. In Bergen dann wieder aufs Schiff und in ein Arbeitslager. Da war ich ein Jahr und sieben Monate und arbeitete in den Bergen. Wir bauten ein großes Werk auf, das aber nicht vollendet wurde. Dann wurden wir weitergebracht nach Gardemoen. Die Deutschen hatten dort Pfähle errichtet und Hochspannungsleitungen gezogen. Dort arbeiteten verschiedene Firmen. Wir hoben Gräben aus und errichteten da die Pfähle. Auch Norweger arbeiteten da. Jedem von ihnen war ein Stückchen Land zur Verfügung gestellt, wo sie Kartoffeln anbauen konnten, die sie dann braten oder kochen konnten. Wir wollten das auch so gerne. Einmal grub ich solche Kartoffeln aus, brachte sie durch die Wachen – wir wurden von unserer Polizei, besonders ROA-Leuten bewacht – und steckte sie in mein Hosenbein. Es war aber zerrissen – man hatte uns baumwollene Overalls gegeben – und ich hatte es zugebunden, weil es ganz nass geworden war. Und die Kartoffel fiel raus. Ein Polizist sah das, ergriff mich und schickte mich für zwei Tage und Nächte ins Lagergefängnis. Danach ging es wieder weiter, wir wurden sortiert, wobei es nichts zu essen gab. Wir kamen nach Rjukan, was in den Bergen liegt. Dort mussten wir eine Straße bauen. Ich erinnere mich an heftige Bombardierungen der Amerikaner und Engländer. Dort befand sich auch eine Fabrik, in der Explosivstoffe produziert wurden. Sie errichteten Radarstationen. Da gab es auch norwegische Partisanen. Und unsere Kameraden waren da. Es gab auch deutsche Antifaschisten.

Es gab einen Tunnel, und daneben wurde noch ein Tunnel gebohrt, von dem ein schmale Graben abging für das Ablaufen des Schmelzwassers. Und unten stand ein Kraftwerk, von den Norwegern vor der Besatzung gebaut. Dort war auch unsere Baracke. Auf den Bergen standen kleine Häuschen, wo unsere Leute hingingen, da gab es auch Seen. Sie konnten dort Beeren und Pilze sammeln. Ich hätte so gerne was von dem gegessen, drei Monate hatte es für mich kein Brot mehr gegeben. Wir kriegten irgendwelchen Zwieback, mit dem die Deutschen ihre Hunde fütterten. Zwei von unseren Leuten waren zu den Häuschen gegangen, hatten sich dort aber verirrt.

Da waren auch 20 Vlassov-Leute, die freiwillig mit den Deutschen kollaborierten. Sie fingen sie ein und erschossen sie.

Dann kamen wir nach Rjukan in die Stadt zurück und von da aufs Schiff. Da wurden wir wieder aufgeteilt, und ich kam in die Siedlung Gimmle, das war eine Arbeitersiedlung. Wir kamen in so einen Klub, wo es auf zwei Etagen Pritschen gab. Wir waren 100 Mann. Mit meinen Kameraden musste ich Eisenbahnschwellen einkerben. Wir gingen in den Wald, schnitten Holz, entfernten die Rinde und legten die Schwellen auf die Eisenbahnschienen. Ständig hatte ich Hunger. Aber es gab nichts. Der Lagerleiter, ein Deutscher, war Antifaschist. Er bat eine ältere Norwegerin, deren Familie in Deutschland umgekommen war, bei den Norwegern um etwas Essbares zu bitten. Wir mussten doch irgendwie ernährt werden. Da war noch ein Pole, der auch von den Deutschen mobilisiert worden war. Als wir bei der Arbeit waren, bat ich ihn um Erlaubnis, zu den Norwegern zu gehen, um etwas zu essen zu bitten. Ich hatte in der Schule Deutsch gelernt und konnte mich ein bisschen mit der einheimischen Bevölkerung verständigen. Er ließ mich gehen. Die Norweger fragten mich, wie alt ich sei. 16 Jahre. Daraufhin gaben sie mir aus Mitleid etwas zu essen. Und so jeden Tag. Der Pole sagte zu mir, dass ich nirgendwo fliehen sollte und ließ mich gehen. Da war auch eine Schule mit jungen Leuten. Einer von denen erzählte seinen von mir. Jeden Morgen brachten sie mir auf dem Weg zur Schule ein bisschen zu essen. Ich konnte ganz offen zu ihnen gehen, wo konnte ich sonst denn hingehen. Ich war sogar bei ihnen zu Hause.

Nikolaj Dorofejevitsch Trubenko

1944 kamen wir in Norwegen an. Unterwegs waren alle 300 Mann an Deck gerufen worden, wo ein Deutscher uns fragte, wir sollten sagen, wer eine Essensration gestohlen hätte. Sonst würde jeder Zehnte erschossen werden. Es war nämlich passiert, dass unsere Burschen ins Zwischendeck eingebrochen waren und eine Essenration, Zwieback, Zigaretten und anderes genommen hatten. So wurde gezählt, wer war der zehnte, der zwanzigste usw. Da gab es aber Fliegeralarm, man konnte ein englisches U-Boot sehen, woraufhin wir wieder in den Schiffsbau zurückgetrieben und eingeschlossen wurden. So kamen wir nach Oslo.

Das war am Abend vor Neujahr 1944. Wir kamen in einen Schuppen für Hafenladungen. Es war sehr kalt und feucht. Am Morgen ging es weiter nach Trondheim. Da war ein Lager für sovjetische Kriegsgefangene, die davor nach Narvik gebracht worden waren. Wir wurden hier besser ernährt, manchmal gab es Makkaroni, Makkaroni-Suppe, getrocknete, schmutzige Kartoffeln.

Dann kamen wir auf die Insel Storfosna im Norden Norwegens, wo auch ein Lager war. Dort bohrten die Deutschen in die Berge Tunnel. Sie erzählten sich untereinander, dass Hitler eine Atombombe bauen wolle und alle Institute unterirdisch arbeiten würden, da die Engländer bereits die deutschen Städte bombardierten. Die Deutschen dachten daher daran, alle Institute nach Norwegen für den Bau der Bombe zu überführen.

Auf der Insel lebten wir das ganze Jahr 1944 bis April 1945.

Im Lager in Norwegen lebten wir zu 100 Mann in drei hölzernen Baracken und schliefen auf zweistöckigen Pritschen. Nachts waren Fenster und Türen verschlossen. Unter uns waren einige Moskauer, die ein kleines Radio, einen Detektorenempfänger bastelten, so dass wir ständig erfuhren, wo unsere Truppen standen.

Den Norwegern war der Kontakt mit den Kriegsgefangenen verboten, es drohte Erschießung. Das war an den Lagertoren angeschrieben. Wir konnten nur mit ihnen bei den Bohrungen in den Berg zusammentreffen, wenn dieser mit Dynamit gesprengt wurde und wir die Steinhaufen zusammentrugen und ins Meer warfen.

Auf der Insel gab es nur wenige Bewohner, und sie waren selbst sehr arm. Deshalb half uns auch keiner. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir von ihnen Kartoffeln oder Hering bekommen hätten.

Lopatin

Wir kamen mit dem Schiff nach Norwegen, – keiner wusste, wohin wir fuhren – und zwar nach Kirkenes. Dort war ein großer Militär-Flughafen mit Hangars. Da lebten wir, wo eigentlich die Flugzeuge repariert wurden. Die Böden waren aus Beton. Wer schnell war, holte sich Holzspäne und legte sie auf den harten Boden. Jede Nacht starben 20-30 Mann. Sie wurden dann hinter dem Hangar wie Holz gestapelt.

Die Verpflegung war schlecht. Das Mehl war verdorben, feucht und dann verschimmelt. Aus diesem Mehl kochten wir uns eine Suppe, und was war das für eine Plörre. Und wir waren dünn und konnten solches Essen gar nicht vertragen.

Erst danach bauten die noch Lebenden, die sich noch auf den Beinen halten konnten, das Lager. Zuerst errichtete man Baracken, die dann mit Torfplatten bedeckt wurden. Dann kam Dachpappe und dann darauf Torf. Drinnen gab es zwei Etagen mit Pritschen. Im Grunde bekamen wir nur Steckrüben. Wir kochten daraus Suppe, die wir mit allen möglichen Abfällen anreicherten wie Tier-Innereien, Leber, Lunge usw.

Es gab ein Kommando, das die Toten an einen bestimmten Platz zum Begraben brachte.

Nach einem halben oder zwei Jahren kamen wir von Kirkenes nach Tromsö, die gleichen Baracken dort. Alles war mit Stacheldraht umgeben. Auch hier mussten wir die Schiffe entladen. In Tromsö kamen hauptsächlich Schiffe mit Lebensmitteln an. Wer flink war, konnte sich was ergattern. Wir trugen Overalls ehemaliger deutscher Soldaten, die sehr groß waren. So konnten wir Marmelade, Pflanzenöl, in Papier eingewickelt unter die Hosen stecken oder auch Erbsen, die auf die Erde gefallen waren, und die Hosen zubinden. Wenn es bei der Rückkehr ins Lager einen guten Konvoi gab – und das waren im Grunde Österreicher – dann wurde man beim Lagereingang nicht danach überprüft, was man bei der Arbeit ergattert hatte. Im Lager gab es große eiserne Öfen und einen Stacheldrahtzaun drumherum. Und so konnte jeder in seinem Topf kochen, was er bekommen hatte. Und das war Fisch, hauptsächlich Fischköpfe, die weggeworfen worden waren. Glücklich war, wer zwei Köpfe hatte.

Deshalb war die Situation in Tromsö besser, da konnte man leichter an was rankommen

Es gab viele Fluchtversuche, aber größtenteils kamen die Leute wieder zurück und wurden erschossen, damit allen andren die Lust dazu verging.

Die Norweger halfen uns, wie sie konnten

Als in Kirkenes einige nicht zur Arbeit gehen konnten, machten sie kleine Gegenstände, wie z.B. aus Aluminiumtöpfen Zigarettenetuis u.ä. Es gab ein Kommando von 10-15 Mann, die mit Schlitten Munition zu den Flugzeugen brachten. Und da waren Piloten – Offiziere. Und so konnte man in die Offiziersbaracke gehen – obwohl die österreichische Wache einen nicht aus den Augen ließ – und einen halben Brotlaib oder ein Päckchen Zigaretten für solch einen kleinen Gegenstand bekommen.

Feodossij Maksimovitsch Chotajtschuk

Wir kamen im Bauch eines Schiffes irgendwohin und stellten dann fest, dass es Norwegen war. Dort wurden wir in einem Hafen ausgeladen, in Güterwagen verfrachtet und nach Trondheim gebracht. Unser Kommando, ungefähr 150 Mann, kamen auf die Rauer-Inseln und Stichro [?]. Dort lebten wir in Baracken aus Holz oder Holzfasern mit doppelten Wänden und einer Luftschicht von 15 cm Dicke. Wir schliefen auf Holzpritschen in zwei Etagen. Weil es an der Küste sehr warm war, froren wir sogar im Winter nicht. Zu essen gab es stinkende, gekochte Steckrüben und einen Laib Brot mit Holzspänen im Teig für zehn Mann. Bei solch einer Ernährung gaben wir einen guten Dünger für die deutsche Erde ab – nämlich unsere Knochen. Wir arbeiteten im Steinbruch. Für die Arbeit nutzten wir Schubkarren, die mit Steinen beladen auf einem engen Bretterpfad zur Schmalspurbahn gebracht wurden. Das alles geschah unter ständiger Kontrolle der Bewacher, die besonders aggressiv waren, wenn der Chef da war. Ein anderes Kommando baute militärische Befestigungen. Unsere Gedanken gingen ständig nur in zwei Richtungen: wann kommt der Schichtwechsel und bloß nicht hinzufallen beim letzten Aufstieg, damit es nicht wie Sabotage aussieht. So ging es von Tag zu Tag. Und diese Arbeit war deshalb so verhasst, weil sie der Verstärkung der Verteidigungskraft der Wehrmacht in Norwegen diente. Es ist richtig, wir arbeiteten langsam – unter der Knute, aber wir arbeiteten.

Es kam vor, dass dem ein oder anderen Wachmann nicht gefiel, dass jemand zu langsam arbeitete. Dabei spielte es keine Rolle, ob derjenige krank war oder keine Kraft hatte. Oder der Deutsche hatte vielleicht von zu Hause einen schlimmen Brief bekommen. Dann ließ er die Fäuste sprechen und den Knüppel. Kranke gab es im Lager nicht. Sie wurden in den Isolator geschickt und immer bald weggebracht. Keiner von ihnen kam wieder zurück.

Fluchten gab es selten, in der Regel endeten sie erfolglos. Nach zwei-drei Tagen kamen die Geflohenen wieder ins Lager zurück, zerschlagen, in von den Hunden zerrissener Kleidung. Der Hauptgrund war, dass man die Sprache nicht konnte und keine Möglichkeit hatte, mit der Bevölkerung zu kommunizieren. Nur einer kam nicht zurück.

Der Lagerleiter war ein junger, hochgewachsener SS-Leutnant. Wenn er im Lager war, dann liefen die Wachen zitternd herum, brüllten wie die Tiere, der Knüppel saß locker. Aber zu unserem Glück kam er nur ein- zweimal im Monat ins Lager.

In der freien Zeit nach der Arbeit fertigten unsre Kameraden alle mögliche n kleinen Sachen an, jeder was er konnte. So gab es einen, der aus Münzen einen Ring machte und ihn bei den Deutschen für Tabak eintauschte. Einmal bestellte ein Deutscher ein Schachspiel bei ihm. Da er keine Drehbank dafür hatte, wurde dafür gesorgt, dass er nach einiger Zeit eine altmodische hölzerne Drehbank bekam, die mit den Füßen angetrieben werden musste.

Moroz

Als wir Ende 1944/Anfang 1945 im Hafen von Kirkenes vor Anker lagen, bombardierten englische Flugzeuge Hafen und Schiffe. Die erste Bombe fiel auf ein deutsches Schiff, was darauf in zwei Hälften zerbrach.

Auf unserem Schiff waren 5.000 Kriegsgefangene. Auch unser Schiff wurde beschossen, aber sie trafen nicht. Kann sein, dass es deswegen nicht weiter bombardiert wurde, weil es ein norwegisches Schiff war und eine norwegische Flagge hatte.

In Kirkenes war ich ein paar Monate. Dann kam ich nach Narvik. Da wurden wir 146 Mann auf Autos verladen und in ein Arbeitslager 45 km von Narvik entfernt gebracht, wo wir im Wald arbeiten mussten. Wir bereiteten die Baumstämme vor, zersägten sie zu Holzklötzen und beluden damit die Lastwagen, die mit Holz beladen zu den Lastkähnen fuhren, wo das Holz dann irgendwo ausgeladen wurde.

Ich war die ganze Zeit in diesem Lager. Die Baracken wurden durch ein kleines Öfchen beheizt, wie es sie in den Eisenbahnwaggons gibt.

Vor der Befreiung verschlechterte sich die Verpflegung. Wenn es früher eine Ration von 600 Gramm gegeben hatte, gab es vor der Befreiung nur 150 Gramm. Es gab immer Fisch und dann 150 Gramm Brot.

Die Bewachung hing von den einzelnen Wachleuten ab. Es gab anständige, die sich sogar für uns aufopferten.

Ich bin den Norwegern sehr dankbar. Besonders der kommunistische Untergrund half uns. So baten wir die Einheimischen, an den Straßen Essen für uns abzulegen, wenn wir zur Arbeit dort vorbeigingen. Manchmal konnten sogar die Hunde das Säckchen nicht finden.

Freizeit hatten wir so gut wie gar nicht.

Igor Jakovlevitsch Trapizin

Wir sahen einen Pfosten mit der Aufschrift „Norge-Suomi“. Dann wurden wir weiter auf eine Hochebene gebracht. Da sahen wir das Feuer, Kirkenes brannte. Deutsche Wachen um uns herum. Wir standen da auf dem Plateau und mussten uns irgendwie wärmen. So sammelten wir Steine, die den Wind abhalten sollten und bauten sie ringsum uns auf. Dabei gingen die Kämpfe weiter. Wir

hörten die Salven. Unsere Truppen nahmen Kirkenes ein und stießen nicht weiter vor. Wir – ungefähr 2.000 Kriegsgefangene – waren nur acht Kilometer von Kirkenes entfernt und wurden von den Deutschen nach einiger Zeit auf einen Dampfer getrieben. Kurz vorher waren wir von den hohen Bergen auf die Hochebene gebracht worden. Dann kamen wir in die Region Vardö-Vadsö und liefen bis zum Einbruch der Dunkelheit. Unter einem Felsen übernachteten wir. Noch in der Nacht, als es noch dunkel war, kamen wir auf ein Schiff. Das war im Nov. 1944. Bei Kirkenes eine Menge Lager mit ungefähr 2.000 Mann. Alle wurden jetzt zu Fuß nach Narvik getrieben und dort auf ein Schiff verladen. Es war so überladen, dass wir dicht gedrängt saßen. Am 7. November gaben wir ein Konzert, denn es war ja der Tag der Oktober-Revolution. Als wir ausgeladen wurden, kam mein Teil nach Brönnöysund und dort auf einen Fischlastkahn. Da saßen wir nun zwei hungrige Tage lang. Als wir anfingen, Krach zu machen, öffnete niemand die Luke. Schließlich ließ man einen Kasten mit Räucherfisch zu uns hinunter. Wir waren so hungrig, und dann der Gestank da unten… Dann kam noch ein Eimer mit Kaffee runter. Das wurde alles auf 60 Mann aufgeteilt. Einmal wurden wir auf ein Schiff auf die Insel Uringer verladen. Da gab es Wachablösung, d.h. neue Leute. Und wir begannen, das Schiff zu entladen.

Dann kamen wir auf die Insel Ylvingen. Diese Insel war ein wichtiger Vorposten im Meer. Da arbeiteten auch Polen. Da war ein Bunker gebaut worden, es gab eine Kanone, Maschinengewehre zur Abwehr von Flugzeugen und fremden Schiffen. Die Insel liegt 200-300 km nördlich von Trondheim, aber näher zu Bodø.

Auf der Insel Ylvingen waren wir in Baracken untergebracht. Das waren riesige Metallfässer, ähnlich einem Tankwagen mit einem Ofen.

Das Verhalten der Deutschen änderte sich nach Stalingrad.

Die erste Hilfe der Norwegen war, als wir in dem Kahn den Kasten mit dem Hering und dem Kaffee kriegten. Als wir auf der Insel arbeiteten, halfen uns die Norweger auch. Praktisch jeden Tag fanden wir auf dem Weg zur Arbeit für uns gemachte Butterbrote. Hauptsächlich kriegten wir Fisch und Kartoffeln. In den Lagern in Norwegen, die ca. zehn Kilometer von der Küste entfernt lagen, lebte man so einigermaßen. Aber in denjenigen, die weiter im Land lagen, war es schlimmer. Da konnte ihnen niemand helfen. Die Norweger hatten selber kein Brot.

Unter uns gab es Polizisten, die schlimmer als die Deutschen waren.

Das Verhältnis zu den Norwegern war gut, es gab sogar Fälle, wo von unsren Kriegsgefangenen und Norwegerinnen Kinder geboren wurden.

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